BARCAMPS UND WISSENSCHAFT

 

Barcamps sind ein innovatives und innovationsförderndes Format, keine Frage. Aber passen die offenen Strukturen zur Wissenschaft und dem Anspruch einer Hochschule? Oder birgt das Format gar Gefahren? Einblick in eine interne Diskussion des Projektteams.

Das Projekt TRANSFER TOGETHER hat sein erstes Barcamp im November 2018 ausgerichtet. Thema war Gesundheit 4.0, also Gesundheit vor dem Hintergrund des digitalen Wandels. Das Team um Prävention & Gesundheitsförderung um Chiara Dold, Julia Janiesch und Sophie Kindt hat das Barcamp ausgerichtet und ist auch mit eigenen Sessions an den Start gegangen.

Für alle Beteiligten war das eine neue Erfahrung und wir haben uns auch schon vorab die Frage gestellt: Passt das? Vertragen sich das offene Barcamp-Format mit dem wissenschaftlichen Anspruch einer Hochschule? Auch im Anschluss an das Barcamp haben wir weiter über das Format und den Umgang damit diskutiert – und eine dieser Diskussionen auch dokumentiert.

Was ist eigentlich ein Barcamp? Max hat in seinem Blogartikel vom November ausführlich über die Eigenheiten des Formats und den sogenannten „Barcamp-Spirit“ geschrieben.

Max: Chiara, würdest du nach deinen Erfahrungen mit dem Barcamp3 sagen, dass sich das Barcamp-Format für Hochschulen anbietet?

Chiara: Ich glaube, hier muss man differenzieren. Auf der einen Seite ist der organisatorische Aufwand stemmbar. Erstaunlich und positiv fand ich, dass der eigentliche Ablauf sehr entspannt ist. Viele Teilgeber*innen haben eine hohe intrinsische Motivation. Sie sind offen, konstruktiv und greifen dem Orga-Team sofort unter die Arme. Ich hatte mich im Vorfeld mit Barcamps beschäftigt, hatte aber selbst noch keine Erfahrung damit. Deswegen habe ich mich sehr über die Hilfe gefreut!

Auf der anderen Seite war das Thema für ein Barcamp meines Erachtens schwierig. Wir hatten die Veranstaltung unter den Titel gesetzt „Gesundheit 4.0“, also vor dem Hintergrund des digitalen Wandels. Das hat einige kommerzielle Anbieter angelockt, die ihre Apps und Coaching-Angebote auf dem Barcamp platziert haben. Ich fand das problematisch: Hier trafen teilweise wissenschaftlich nicht gesicherte Konzepte, teilweise Halbwahrheiten, auf Menschen, die etwa auf der Suche nach etwas sind, was ihnen hilft. Insbesondere im Gesundheitsbereich ist das ein sensibles Thema. Ich muss mich deswegen für die Zukunft auch fragen: Passt das Format zum Thema?

Ist das Wissenschaft?

Max: Damit schneiden wir auch schon die Philosophie der Barcamps an: Sie sind nicht kontrollierbar, wie etwa eine Konferenz oder ein Workshop. Man kann natürlich ein Thema vorgeben und damit eine gewisse Erwartungshaltung und Leitlinie schaffen. In Münster habe ich am Rande des Historikertags das Histocamp besucht. Hier war klar: Geschichte steht im Mittelpunkt. In Heidelberg findet seit Jahren das etwas offenere Barcamp Rhein-Neckar statt. Alles, was mit der Region zu tun hat, wird hier besprochen. Vom selbstgebauten Schafroboter über politisches Engagement bishin zu Big Data bei der Deutschen Bahn – die Überschrift hat inhaltlich viele Freiräume ermöglicht. Trotzdem: Volle Kontrolle kann es nicht geben und das würde dem Format auch widersprechen.

Monika: Deswegen geht es darum, welches Thema behandelt wird. Bei einem Barcamp zur Region gibt es logischerweise kaum Grenzen. Hier ist aber auch der Anspruch ein anderer: Es geht um Erlebnisse, um Erfahrungen und nicht um systematisch erworbenes Wissen. Bei unseren Barcamps bewegen wir uns aber in einem akademischen Umfeld. Wissenschaft beinhaltet die Reflexion von möglichst belastbarem Wissen, das heißt von beobachtungsunabhängigem Wissen. Wissenschaft hat eigene Methoden, Peer-Review-Verfahren, Datenerhebung und so weiter. Wenn ich dieses belastbare Wissen auf einem Barcamp gegen weniger belastbares Wissen stelle, wird die Unterscheidung schwer. Ist das jetzt wissenschaftlich fundiert oder subjektive Erfahrung?

Das ist vor allem heikel, wenn es um strittige Themen geht, bei denen wir als Gesellschaft noch keinen geregelten Diskurs erreicht haben. Ich denke hier auch an mein Teilprojekt „Flucht, Migration und Arbeit in der Metropolregion“. Hier stellt sich durchaus die Frage, ob ein Barcamp eine sinnvolle Maßnahme für das Thema darstellt oder eher kontraproduktiv ist?

Max: Ich denke, der Anspruch, mit dem wir in eine solche Veranstaltung gehen, ist ein sehr wichtiger Punkt. Meine Erfahrung beim Histocamp war, dass man trotz des „professionellen“ Publikums trotzdem nicht an alle Sessions einen wissenschaftlichen Anspruch stellen darf.

„Ein tolles Format mit einer Menge Innovationskraft“

Chiara: Das kann je nach Thema aber negative Folgen haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass inhaltlich etwas beim Barcamp Rhein-Neckar hätte schiefgehen können. Im schlechtesten Falle sind aber nach dem Gesundheitsbarcamp Leute nach Hause gegangen und haben sich wegen falscher Informationen selbst Schaden zugefügt. Ich will Barcamps auch nicht schlechtreden. Bei dem Format kann ein Dialog zwischen wissenschaftsfernen Bürger*innen mit Forscher*innen entstehen. Das macht Wissenschaft praxisnäher, anschlussfähiger und nahbarer. Vor diesem Hintergrund sind Barcamps ein tolles Format für Hochschulen mit einer Menge Innovationskraft.

Max: Darin sehe auch ich die Stärke von Barcamps. Christian hatte im Video-Interview mal gesagt, Barcamps machen die gesprächige Kaffeepause zum Grundprinzip. Eigentlich ist die Veranstaltung ein ständiger Dialog und niemand rümpft die Nase, wenn ein*e Speaker*in mitten im Vortrag unterbrochen wird, um zu fragen, woher diese Informationen denn kommen. Gerade für junge Wissenschaftler*innen nimmt das die Scheu, die bei den klassischen Konferenzen spürbar ist.

Die kontinuierliche Kaffeepause

Monika: Das Prinzip der kontinuierlichen Kaffeepause ist wichtig und der Dialog eine Besonderheit des Formats. Aber dafür braucht man nicht zwingend ein Barcamp. Man kann so etwas ja auch als Element einer Veranstaltung hinzufügen, während man andere Elemente der Veranstaltung klassischer hält.

Unabhängig davon müssen wir uns als Wissenschaftler*innen ja auch immer der Diskussion stellen: Wann ist etwas fundiert und warum ist das wichtig? Ich finde, eine Barcamp-Session mit einem inhatlichen Input ist ein schlechter Rahmen hierfür, weil die Zeit oft fehlt und der Fokus nicht auf der Methodik, sondern auf dem inhaltlichen Thema liegt. Da ist nicht erkennbar, ob das nach wissenschaftlichen Methoden gemacht wurde. Wenn das richtig gekennzeichnet wurde, kann das natürlich trotzdem eine spannende Diskussion werden. Aber der Rahmen muss gegeben sein.

Chiara: Die rhetorischen Fähigkeiten spielen bei einer solchen Session eine wichtige Rolle. Wer bei kritischen Nachfragen viel antworten kann, hat eigentlich schon gewonnen. Nach der Art „Ich rede viel, ergo habe ich Recht.“ Es gibt ja auch keine Jury, die über das beste Argument entscheidet. Ad hoc ist es auch schwierig, Ergebnisse nachzuprüfen.

Max: Das Problem haben wir ja auch, wenn wir Podcasts hören oder an Workshops teilnehmen. Bei unseren Barcamps haben wir meines Erachtens vor allem mit dem Anspruch zu kämpfen. Über unseren Barcamps hängt immerhin das Logo einer Hochschule. Insofern erwarten Gäste auch eine Art Verlässlichkeit und Seriosität – auch, wenn die Inhalte eines Barcamps die Teilgebenden liefern.

Zeit für neue Formate?

Chiara: Gehen wir doch nochmal vom Worst Case des Gesundheitsbarcamps aus: Es wurde zum Beispiel eine App speziell für Jugendliche vorgestellt, mit der sie ihre Kalorien- und Nährstoffaufnahme genau verfolgen können. Möchten wir irgendwann die Rückmeldung bekommen, dass ein Kind u.a. dank dieser App, die sie auf dem Barcamp der Pädagogischen Hochschule entdeckt hat, eine Essstörung entwickelt hat? Das ist natürlich ein fiktives Extrembeispiel. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Setting ‚Hochschule‘ zu einem Vertrauensvorschuss führt. Und das kann von Anbietern ausgenutzt werden.

Ich bin auch eher für moderierte Formate, wie etwa eine offene Café-Runde. Wissenschaftler*innen sprechen über ihre Themen an einem runden Tisch in lockerer Atmosphäre. Auch das fördert den Austausch.

Max: Das Format gibt es ja auch schon in verschiedenen Formen, wie etwa Pint of Science. Das ist für sich genommen eine tolle Sache. Aber das ist doch eine sehr einseitige Diskussion mit Expert*innen und Teilnehmer*innen.

Monika: Unter dem Label der Wissenschaftlichkeit kann man ja noch weitere Veranstaltungen andenken. Wir könnten ja auch ein Science Café organisieren, bei dem Nicht-Wissenschaftler*innen ihre Projekte vorstellen und mit Wissenschaftler*innen darüber diskutieren. Ich glaube, solche Ansätze sollte man noch deutlich weiterentwickeln. Weiterentwicklungen sind immer möglich und häufig sehr ergiebig.

Chiara: Um neue Methoden und Veranstaltungsformate für einen niederschwelligen und gelungenen Austausch von Wissenschaftler*innen und Nicht-Wissenschaftler*innen zu entwickeln, könnte man übrigens ein Barcamp veranstalten.

Max: Ich danke euch beiden an dieser Stelle für die spannende Diskussion!

Die Diskussion zeigt: Die Diskussion um das passende Format, um Barcamp-Elemente und wissenschaftlichen Anspruch ist nicht mit einem Ja oder Nein zu lösen. Es gibt viele Aspekte, die bedacht werden müssen. Wir haben die Diskussion auch im Anschluss noch weitergeführt und werden uns auch vor dem kommenden Barcamp damit auseinandersetzen.

Diskutiert haben:

Chiara Dold

Chiara bringt Bewegung ins Büro: Sie entwickelt ein webbasiertes Toolkit, das Unternehmen dabei unterstützt, leichte körperliche Aktivität in den Arbeitsalltag zu integrieren. Zu Chiaras Projektseite und dem Projekt Kopfstehen.

Monika Gonser

Monika arbeitet für das ‚Together‘ im Projektnamen: Entweder packt sie selbst an und hilft Geflüchteten in der Region oder sie unterstützt diejenigen, die sich bereits engagieren mit Workshops, Beratungen und Netzwerktreffen. Zu Monikas Projektseite.

Max Wetterauer

Open Science und Social Media sind die großen Baustellen, an denen Max im Bereich Offene Hochschule tüftelt. Wenn ihm die 280 Zeichen auf Twitter mal nicht ausreichen, stillt er seinen Schreibdurst mit Artikeln hier auf dem Blog. Zu Max‘ Projektseite.

Kommentare (2)

Hallo Anja, danke für Deinen Kommentar. Du hast Recht, man könnte vielleicht meinen, wir trauen unseren Wissenschaftler*innen den offenen Diskurs nicht zu. Das ist nicht der Fall. Auch stehen wir dem Barcamp als Veranstaltungsformat nicht negativ gegenüber, sondern machen uns auf Basis unserer ersten Erfahrung Gedanken, ob sich dieses Format für jeden Inhalt anbietet und welche Alternativen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten es geben könnte. Bei uns trat z.B. das unerwartete Problem auf, dass unser Team aufgrund der Grippewelle (Learning: Barcamp im November ist vielleicht nicht der optimale Zeitpunkt) dermaßen drastisch dezimiert wurde, dass nicht in jeder Session jemand von uns dabei sein konnte. In einer Session ist es vorgekommen dass eine “Bullshit”-Diskussion aufkam- hier wäre es für uns spannend gewesen zu erfahren, wie diese aus Laienperspektive bewertet wurde. Gerade im Gesundheitsbereich gibt es viele Dinge, für die es leidenschaftliche Verfechter*innen mit vermeintlich guten Argumenten gibt – die nur leider nicht evidenzbasiert sind. So stellt sich für uns die Frage, welche Erkenntnis nach Verlassen des Barcamps im Gedächtnis bleibt.

Wir finden es spannend uns mit diesem Format auseinanderzusetzen, Neues zu lernen und freuen uns über die konstruktiven und anregenden Rückmeldungen, auch via Twitter https://twitter.com/TRANSFERTGTHR/status/1125720180842274817

Mir scheint ein wenig, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wird abgesprochen, sich in BarCamps fundiert auszudrücken und ggf. diskutieren zu können. Nehmen wir Euer Beispiel und führen es fort: wenn ein Unternehmen eine App zum Gesundheits-Monitoring vorstellt ist das ja per se nicht kritisch: wir alle essen zu fettig und zu wenig Eiweiß… Sollten die dort visualisierten Statistiken falsch oder irreführend sein (bspw. macht eine Rotfärbung Angst, wenn man über 60% des Tagesbedarfs gegessen hat), dann ist ja glücklicherweise eine Wissenschaftlerin im Raum, die das ansprechen und erläutern kann. Gleichzeitig bekommt sie mit, wie Menschen außerhalb der Hochschule diskutieren, welche Fragen die haben und welche Unsicherheiten bestehen. BarCamp-Sessions sind seltenst frontal (ganz im Gegensatz zu Konferenzvorträgen, bei denen auch Menschen wie Manfred Spitzer zum Teil ihre mehrfach widerlegen Thesen äußern dürfen) und lechzen quasi nach Diskussion, Argumenten und der Erweiterung von Perspektiven. Wenn diese von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in BarCamp-Sessions nicht geleistet werden können, sehe ich den Fehler nicht im Format.

Was denkt ihr?