AUS DER KUNST IN DEN IT-SUPPORT

 

Coding, Programmieren, unsplash.com, Markus Spiske
Auf der „Female’s Favour{IT}e Conference 2019“ am 16. März im Mannheimer Mafinex (ausgerichtet von Hackerstolz e.V. und Startup Mannheim) durfte ich nicht nur Vlasta Mininas Beitrag lauschen, ich hatte das große Glück sie interviewen zu können, um ihrer Erfolgsgeschichte auf den Grund zu gehen: „Aus der Kunstgeschichte in den IT-Support!“

Vlasta kam vor rund 10 Jahren aus Russland nach Deutschland, um an einer renommierten Universität studieren zu können – ohne Familie oder Freunde. Zunächst war ihre Fächerwahl zweitrangig, da es ihr um den Abschluss ging: „Der Rest ergibt sich dann schon.“ So kam sie zum Studium der Kunstgeschichte im Bachelor und bemerkte recht schnell, dass der Arbeitsmarkt andere Vorstellungen hatte. Um einmal einen sicheren Job mit geregeltem Einkommen ergattern zu können, ergänzte sie ihren Bachelor in Kunstgeschichte mit einem Master im Dolmetschen: „Das war zwar berufsorientierter, aber trotzdem war das nicht das, was mir Spaß gemacht hat.“

„Mathe wirst du nicht schaffen!“

Schon in Vlastas Kindheit und Jugend zeigte sich, dass die Orientierung am Arbeitsmarkt vor den eigenen Interessen eine Rolle bei Entscheidungen spielte. Trotz ihres großen Interesses an den Fächern Mathematik, Chemie und Informatik, rieten ihre Eltern ihr von der Mathematikklasse ab: „Ich wollte unbedingt in die Matheklasse – meine Eltern meinten aber „Nein, auf keinen Fall, da sind nur Jungs, du wirst es nicht schaffen. Du musst in die Linguistik-Klasse“ – und so bin ich dort gelandet. Jetzt bereue ich das.“

Dann kam der Aufstieg

Zur SAP SE kam sie über einen Job als Werksstudentin. In ihrem letzten Jahr im Master bekam sie dort eine Zusage für eine Stelle in der Assistenz. Weil ihr Manager recht früh Vlastas Lernvermögen und Interesse bemerkte, wurde ihr mehr Projektarbeit anvertraut, wodurch sie die ersten Erfahrungen im Bereich IT sammeln konnte. Um fehlende Kenntnisse nebenberuflich aufzuholen, absolvierte sie 4 Semester im Bereich IT an der Universität Kaiserslautern im Fernstudium.

Als durch eine Umstrukturierung neue Stellen im IT-Support geschaffen wurden, witterte Vlasta ihre Chance sofort und bewarb sich bei ihrem Chef: Nach einem ersten skeptischen Lächeln wurde sie zur 3-wöchigen Fortbildung geschickt und berät mittlerweile erfolgreich Kunden zum Bereich IT.

Laura mit Vlasta bei der Female’s Favour{it}e Conference 2019 in Mannheim.

IT ist sexy!

Häufig ploppen klassische Stereotype zum Berufsfeld „Informatik“ auf, die gerade junge Frauen und Mädchen abschrecken. Der Informatiker, der sich in einer komplexen Matrix auf sich allein gestellt bewegt, nur von kalter Pizza in einem dunklen Keller lebt – eine wenig attraktive Vorstellung, nicht nur für das weibliche Geschlecht.

Für Vlasta bedeutet die Arbeit in der Informationstechnik allerdings enge Zusammenarbeit im Team. „Du kannst nicht als Einzelkämpfer überleben. Es braucht verschiedene Experten mit unterschiedlichem fachlichem Hintergrund, um komplexe Probleme zu lösen. Diversity ist das, was wir brauchen in der IT-Branche.“ Die Arbeit im Team und eine Atmosphäre von Offenheit und Bereitschaft zum Teilen von Wissen sind nicht die einzigen Gegenargumente zum Informatiker-Nerd. Auch die Allgegenwärtigkeit von Informationstechnologien zeigen, dass dieses Berufsfeld nicht nur vielfältig und relevant ist, sondern auch äußerst lebensweltlich geerdet: „Kommunikationstechnologien findest du nicht nur im Smartphone. Wir kommunizieren ständig und überall und Informatik ist in gewisser Weise eben auch ein Bereich der Sprachen. Coding, das klingt abstrakt, aber jeder Mensch, der einen Wasserhahn bedient, entscheidet zwischen den Codes „blau“ und „rot“ für eine angenehme Wassertemperatur.“

Der Quereinstieg ist machbar

Am Beispiel von Vlastas Werdegang zeigt sich auch, dass besonders gute Aufstiegsmöglichkeiten vorherrschen. Zwar suchen IT-Frauen häufig länger nach Kolleginnen – aber es gibt sie! Und diese Frauen ebnen zukünftigen ITlerinnen den Weg.

So wie Vlasta und andere Frauen als Quereinsteigerinnen beweisen konnten, dass Fähigkeiten und Interesse zählen, und nicht ausschließlich die fachliche Ausbildung, so sind Vorgesetzte zunehmend dazu bereit, Quereinsteiger*n*innen eine Chance zu bieten: Vlasta hat nun eine Kollegin, die zwar technikfremd ausgebildet ist, aber ebenfalls erfolgreich im IT-Team ihren Aufgaben nachgeht. „Das ist kein fernes Beispiel, das ist jemand, der mit dir arbeitet. Und dann denkst du dir ich kann das auch.“

Ich kann das auch!

Wie es geht – dazu ein paar Insidertipps von Vlasta.

1. Mach dich auf die Suche!

Schau einmal nach was der Arbeitsmarkt zu bieten hat. Viele Berufe verändern sich, werden überflüssig, neue entstehen. Helfen kann dabei auch der Austausch mit anderen, um echte Eindrücke zu bekommen. Was Stellenangebote nicht verraten, wie beispielsweise der Spaßfaktor, kannst du so erfahren. Sammle Ideen und lasse dich inspirieren.

2. Erkenne dich selbst!

Überlege, wo deine Stärken liegen. Das reicht aber nicht aus, wenn du einen Beruf finden willst, der dich erfüllt. „Wir können sehr viele Sachen gut machen, aber ob es uns etwas zurückgibt, das ist eine andere Frage“. Auch wenn die Berufe sich im Lebensverlauf verändern, legen wir über die Berufswahl fest, welchen grundsätzlichen Tätigkeiten wir bis zum Renteneintritt nachgehen. Wir müssen uns fragen, ob wir morgens motiviert zur Arbeit gehen können. Außerdem verlangt ein Beruf in der heutigen Zeit auch, dass wir uns stetig fortbilden – Interesse und Lernbereitschaft sind dabei ein absolutes Muss!

3. Wachse an Herausforderungen!

Wenn du deine Listen mit möglichen Berufen und den eigenen Stärken und Interessen vergleichst, wirst du höchstwahrscheinlich noch einige Lücken entdecken. Das ist ganz normal, denn gerade die Wissensstände verändern sich rasant in unserer schnelllebigen Gesellschaft. Der Vorteil ist, dass jeder von uns dadurch einen gewissen Fortbildungsbedarf hat und es daher auch viele tolle Angebote gibt. Für den Bereich Informatik und Informationstechnik kannst du einerseits kostenpflichtige Fortbildungsangebote wie Kurse an Hochschulen und Universitäten wahrnehmen. Du kannst andererseits aber auch von der Teilnahme an Hackatons, IT-Konferenzen und Selbstlernmaterialien (online und offline) profitieren. Die Wege sind vielfältig und für jeden und jede ist etwas dabei!

4. Probiere Neues!

Verlasse bekannte Wege, sei offen und überwinde Hemmnisse. Nur wenn du Neues ausprobierst, kannst du eigene Erfahrungen sammeln und sogar das Eine oder Andere Erfolgserlebnis feiern. Sei kreativ und habe Selbstvertrauen. Jede Herausforderung ist auch eine Chance, an der du wachsen kannst und nicht zuletzt etwas Neues über dich selbst lernst!

5. Netzwerk, Netzwerk!

„Das klingt sehr banal und man hört überall Netzwerk, Netzwerk!“ Aber das Tolle am Netzwerken ist, dass du vom Wissen und den Erfahrungen anderer enorm profitieren kannst. Du kannst nicht immer alles Wissen und du musst nicht das Rad neu erfinden. Frage Menschen, die die nötigen Erfahrungen schon gemacht haben und ihre Expertise mit dir teilen wollen. Jeder von uns ist ein Experte für irgendeinen Bereich, aber es braucht Teams, um komplexe Probleme zu lösen. „Wenn wir die Welt vereinfachen wollen, müssen wir einfach miteinander kommunizieren. Netzwerken ist der Hauptbaustein für die Karriere.“

Laura Arndt, Team, Transfer Together
Laura Arndt

Laura ist seit Januar 2018 im Team von TRANSFER TOGETHER und arbeitet für das Teilprojekt MINT-Bildung auch mal in einem Eisfach-Labor, wo zwar wärmeempfindliche Chemikalien geschont werden – die Laborantin aber nicht. Zu Lauras Projektseite.

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