FRAUEN IM MINT-BEREICH – EIN SELTENER VOGEL?

 

Andrea Reiman, unsplash.com
Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob mein Geschlecht irgendeine Rolle für meinen beruflichen Werdegang spielt. Warum auch?

Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit im MINT-Sektor unterwegs zu sein – und das als Frau. Nicht obwohl ich eine Frau bin und nicht gerade weil ich eine Frau bin. Einfach weil ich ein Mensch bin, der seine Interessen in diesem Gebiet gefunden hat, jegliche Geschlechterrollen mal außen vor.

Ich überlege weder bei meiner Buch- oder Filmauswahl, ob das zu meinem Geschlecht passt, nicht beim Sport und auch nicht bei meiner Essensbestellung im Restaurant. Ich frage mich nicht „ist dieser Burger zu männlich?“, sondern ich frage mich „habe ich Bock auf Burger?“. Ich will mich an dieser Stelle nicht als geschlechtsloses Wesen darstellen: Natürlich kaufe ich meine Kleidung in der Frauenabteilung, denke über Farben und ihre Wirkung nach oder über mein Auftreten. Aber eben in Angelegenheiten, die rollenspezifisch relevant sind. Auch ich erfülle natürlich in mancher Hinsicht das Frauenklischee – zum Beispiel, wenn ich an so manchem Samstagmittag meinen Freund durch jeden zweiten Laden in der Stadt schleife. Fragt meinen Freund, für ihn ist das relevant!

Lehrstunde auf dem Schrottplatz

Interessen, Hobbys, Vorlieben und Abneigungen – natürlich spielt da mein Geschlecht auch eine Rolle, als Teil meiner Persönlichkeit, die eben auch Produkt eines Sozialisationsprozesses ist, der nicht blind für Geschlechterrollen ist. Mein Papa hingegen war zumindest mir gegenüber blind für solche „Vorurteile“. Ich hatte frühes Interesse an technischen Prozessen. Fragte ich meinen Papa „Sag mal, wie funktioniert so ein Auto eigentlich, was macht der Motor denn da genau?“, nahm er mich spontan mit zum Schrottplatz, um mir die Funktionsweise einmal hautnah zu zeigen. Wenn man dann völlig verdreckt nach Hause kam, meckerte meine Mutter zwar über die Ölflecken auf meiner Kleidung, das hätte sie aber genauso bei meinem Bruder gemacht. Immerhin musste sie sie ja auch rauswaschen. Ihr seht: Eine klare Geschlechterrollenverteilung (ui, langes Wort) kann man auch in meiner Familie nicht bestreiten.

Nur wenige Frauen im MINT-Bereich

Die gibt es auch auf dem Arbeitsmarkt: Der MINT-Bilanzbericht zeigt, dass zumindest in Baden-Württemberg 2015 der Frauenanteil in MINT-Ausbildungsberufen insgesamt nur 10,7% beträgt (12,7% in der Industrie, 7,7% im Handwerk). Für die Studienanfängerinnen in MINT-Studiengängen zeichnet sich ein ähnliches Bild: 2015 begannen 10.515 Frauen ein MINT-Studium – dem gegenüber stehen 36.515 männliche MINT-Studienanfänger (Statistische Bundesamt, 2016).

Als ich älter wurde, machte ich mir schon Gedanken darüber, warum ich als Mädchen im Chemieleistungskurs, beim Reifenwechseln oder einfach im Baumarkt in der Werkzeugabteilung verstohlen beobachtet wurde. Langsam kam ich mir vor wie ein seltener Vogel. Aber das war mir egal, ich ging meinen Interessen nach und machte, was ich für richtig hielt. So handhabe ich das immer noch. Aber seit ich im Bereich der „MINT Bildung“ unterwegs bin, mache ich mir nicht nur diffuse Gedanken darüber, warum ich eigentlich häufig in männerdominierten Bereichen lande – oder um es einmal herumzudrehen, warum ich selten auf Kolleginnen treffe. Und man müsste sich wirklich sehr erfolgreich abschotten, damit einem entgeht, dass sich über dieses Thema auch in der Gesellschaft der kollektive Kopf zerbrochen wird.

Warum bin ich mitten im MINT-Bereich angekommen?

Gut, kritische Stimmen würden jetzt entgegnen: „Ok, MINT-Bildung, aber Bildung ist ja auch frauenspezifisch.“ Dann schaut euch einfach in den Hochschulen im MINT-Bereich um. In meinem MINT-Team bin ich die einzige Frau. Liegt meine berufliche Wahl also daran, dass mein Vater mein kindliches Interesse aufgriff?

Ein Negativbeispiel: Wir hatten in meiner Familie schon früh einen Computer und mein Vater und mein Bruder entwickelten in kürzester Zeit ein großes Interesse daran. In der Folge wurden mir jegliche Computerprobleme aus der Hand genommen, erledigt und wieder ausgehändigt. Mein Vater und Bruder machten – mit guter Absicht – den Bereich „Computer“ für mich zu einer Zauberwelt. Heute kann ich stolz berichten, dass ich mittlerweile nicht nur Programme installieren und sogar deinstallieren kann. Kürzlich habe ich auch Programmierkurs (Ich geb’s ja zu, es war ein Frauen-Programmierkurs) teilgenommen und die Erfahrung gemacht, dass mein PC doch nicht in die Luft fliegt, sobald ich etwas mir Unbekanntes daran ausprobierte.

Was bewegt Frauen, sich in den MINT-Bereich zu begeben?

Ich befürchte dafür gibt es kein Meister-Rezept. In meinem Fall war das Aufgreifen meiner Interessen sehr förderlich genauso wie Bevormundung persönliche Hemmnisse erzeugten. Diese Hemmnisse konnte ich durch Eigeninitiative und mit tollen Lernangeboten überwinden, aber die Betonung liegt auf „überwinden“. Ich blieb meinem MINT-lastigen Werdegang treu, trotz Pubertät, Vorurteilen und fehlenden Rollenbildern. Mittlerweile weiß ich, dass andere ihr anfängliches Interesse verlieren (vielleicht deswegen?). Ich kann hier aber nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen.

Ich würde an dieser Stelle gerne einmal eure Einschätzungen und Erfahrungen erfragen und komme dafür mit einem ganzen Fragenkatalog daher:

  • Wirken Maßnahmen wie frühe Förderung und Motivierung von Mädchen für MINT-Themen?
  • Wirkt das Werben mit erfolgreichen MINT-Frauen als Vorbilder für Mädchen?
  • Wirken mädchenspezifische Kontexte wie „das Lösungsmittel im Nagellack“ anstatt „das Lösungsmittel in der Wandfarbe“?
  • Hilft es, Stereotypen aufzubrechen, sowohl auf Seiten der klassischen Berufsbilder wie der einsame und abgedrehte Naturwissenschaftsfreak, der bleiche und skurrile Programmierer oder der völlig verschmutzte Ingenieur als auch auf Seiten der Rollenerwartungen was eine Frau und was einen Mann beruflich ausmacht?
  • Ist die Fokussierung auf Mädchen im MINT-Bereich überhaupt zulässig oder doch wieder eine Form von positivem Sexismus?
  • Bedeutet diese Fokussierung nicht umgekehrt auch eine Stigmatisierung?
  • Und zuletzt die vielleicht wichtigste Frage: Sind MINT-Mädchen überhaupt seltene Vögel, die bei ihrem überraschenden Auftauchen besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen?
Laura Arndt
Laura Arndt

Laura ist seit Januar im Team von TRANSFER TOGETHER und arbeitet für das Teilprojekt MINT-Bildung auch mal in einem Eisfach-Labor, wo zwar wärmeempfindliche Chemikalien geschont werden – die Laborantin aber nicht. Zu Lauras Projektseite.

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Kommentare (5)

Wirkt das Werben mit erfolgreichen MINT-Frauen als Vorbilder für Mädchen?

„Werben“ ist wahrscheinlich nicht das Richtige. Wir müssen mehr Geschichten von tollen Menschen erzählen.
Ich verschenke zu Weihnachten an meine Nichten folgende Bücher, die genau dies tun – Storytelling über großartige Frauen:
Good Night Stories for Rebel Girls 1
Good Night Stories for Rebel Girls 2
Das gleiche gibt es auch für die Jungs. Denn in vielen Berufen fehlt es an interessierten und qualifizierten Männern.

Das ist eine tolle Idee 🙂 Ja, „werben“ würde ich mittlerweile auch nicht mehr dazu sagen (es geht ja nicht um Marketing) – eher Gegenbeispiele bringen, um Stereotypen zu begegnen. Lustigerweise war ich am 7.12.18 auf einer Konferenz, wo es genau um dieses Thema ging: „Frauen in der digitalen Zukunft – Stereotype durchbrechen“ an der TUM. Zwar ging es dabei nicht immer direkt um Stereotype im MINT-Bereich, jedoch darum, wie sie allgemein zustande kommen und wie man ihnen begegnen kann. Gegenbeispiele sind dabei anscheinend ein ganz wichtiges Stichwort. Die Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“ bringt ja durchaus in ihren Newslettern immer wieder tolle und inspirierende Beispiele zu Frauen, die im MINT-Bereich beruflich fuß gefasst haben und räumen mit den Stereotypen von sozialer Isolation, rationaler Kälte und Unkreativität auf. Ein weiterer wichtiger Schritt, so meine Eindrücke von der Konferenz, ist es, interessierten Mädchen in den Bereichen auch eigene Positiverfahrungen zu ermöglichen – auch um das nachweislich schlechtere Selbstbewusstsein zu den eigenen Fähigkeiten „gerade zu rücken“. Bei monoedukativen Maßnahmen wie einmaligen Workshops für Mädchen zum Programmieren, Werken, Forschen etc. gehen die Meinungen wieder deutlich auseinander. Zwar werden hier im „geschützten Raum“ Positiverfahrungen ermöglicht – jedoch haben solche „Extrakurse“ auch einen Beigeschmack von Stigmatisierung und „die brauchen das, weil die nicht gut genug sind“. Was denkst du, lieber Valentin, dazu?

Vielen Dank für die reichhaltige Rückmeldung! Um auf den letzten Punkt nochmal besonders einzugehen, habe ich leider die gleiche Vermutung/Befürchtung. Solange kein wirtschaftliches Interesse besteht sind auch entsprechende Mittel eher begrenzt, weswegen dann die genannten Aspekte gesellschaftliche Teilhabe, Chancengleichheit etc. der Deckmantel für wirtschaftliche Interessen sind, die zwar auch positiv für die Gesellschaft sind/sein können, aber eben benutzt werden. Und das ist doch sehr schade!

Vielen Dank für den offenen Erfahrungsbericht! Spannend sind natürlich auch die vielen aufgeworfenen Fragen.

Hinsichtlich des „positiven Sexismus“: Grundsätzlich finde ich jede Art der (Bildungs-)Förderung gut, also auch eine spezielle MINT Fröderung für weibliche Personene, dies sollte sich aber auch die Waage halten mit allgemeiner und männlichen Förderung um Fairness zu gewährleisten. Auch sollte in vielen anderen Berufsfeldern ähnlicher Support ent- und bestehen und bspw. Frauen in Sicherheits- oder Militärberufen helfen, Männer für Pflege- und Erziehungsberufe sensibilisiert und gewonnen werden und körperlich oder geistig Benachteiligte generell berufsgefördert werden.

Was die „seltenen Vögel“ angeht muss in meinen Augen auch innerhalb MINTs unterschieden werden. Aus persönlicher Erfahrung gibt es viele Frauen in Life Sciences, Biologie oder Medizin und eher wenige i der Technik und IT, was entsprechend unterschiedliche Bereiche differenziert werden.

Das sind sehr interessante Gedanken – vielen Dank dafür!
Grundsätzlich finde ich den Ansatz, Förderung für alle richtig und wichtig – wenn genügend verschiedene individuelle Fördermöglichkeiten für unterschiedliche Zielgruppen geboten werden, schafft man im besten Fall eine Chancengleichheit für alle. Das sollte zumindest das Ziel sein. Ich glaube auch, dass diese Angebote im MINT-Bereich eher positiv wahrgenommen werden – aber gleichzeitig habe ich manchmal den Eindruck (Achtung, ich überspitze!), dass dieses Vorgehen beispielsweise vermitteln könnte: „Die Frauen sind zu doof für Informatik, also grenzen wir sie ab von den dominanteren (oder kompetenteren?) Männern und machen einen Extra-Frauen-Kurs – am besten mit Glitzer, Süßigkeiten und Kaffeeklatsch“. Das hat einen Touch von positivem Sexismus, gespickt mit einem Hauch von „Stigmatisierung“, oder sehe ich das zu eng?

Der Blick in Richtung Biologie, Life Science und Medizin ist ein interessanter und vielleicht fruchtbarer Ansatz. Wieso wählen Frauen aus dem MINT-Bereich diese Domänen aus und andere nicht? Bei einer Tagung, der ich dieses Jahr beiwohnen durfte, wurde die Überlegung geäußert, dass MINT-Themen einfach zu schwer für Frauen sind – Mädchen in der Schule fürchten schlechte Noten in den „schwierigen“ Fächern und wählen daher für ihre berufliche Zukunft andere („leichtere“) Bereiche aus. Die analytisch-logisch-rational-kalkulierende Art zu Denken liege wohl den Mädchen und Frauen nicht. Das wird ja entkräftet durch den Blick in die oben genannten Fachbereiche, die nicht weniger anspruchsvoll sind, als andere MINT-Bereiche. Vielleicht ist dies auch ein Ansatz für einen Kern des Problems – MINT-Bereiche, die sich nicht direkt mit dem Menschen oder generell dem Lebenden beschäftigen, werden als kalt, unsozial und rational (anstelle von kreativ und emotional) angesehen – so wird es mir jedenfalls in Gesprächen über den MINT-Bereich signalisiert und Studien zum Wissenschaftsverständnis unterstreichen diese Sichtweisen. Diesen Eindruck hatte ich weder in meinem naturwissenschaftlichen Studium in den Laboren, noch in der heutigen Zusammenarbeit mit kreativen, kooperativen und sympathischen Naturwissenschaftskolleginnen und -kollegen. Sind es vielleicht diese Vorurteile, die andere MINT-Bereiche für Mädchen und Frauen unattraktiv machen?

Nun kommt mir noch ein weiterer Gedanke und ich weite den Fragenkatalog noch etwas weiter aus: Ist es nicht irgendwie auch schade, dass diese Debatte anlässlich von Fachkräftemangel und wirtschaftlichen Interessen aufkommt? Ich verstehe natürlich, dass Bestrebungen bedarfsgebunden sein sollten und der wachsende Fachkräftemangel stellt einen eindeutigen und dringenden Bedarf dar. Aber wären Werte wie „gesellschaftliche Teilhabe“, „Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen“ oder „Förderung der Vielfalt in den Berufen“ nicht auch Bedarfe, die aus normativen Gründen die Förderungsbestrebungen vorantreiben sollten – ganz ohne das Argument „Fachkräftemangel“? Grundsätzlich sind die beschriebenen Entwicklungen zur Förderung in meinen Augen positiv und sollten genutzt und vorangetrieben werden. Aber geschieht dies nicht momentan aus kurzfristiger gedachten (und normativ gesehen vielleicht aus den falschen) Gründen?

Was denkt ihr?