LEICHT BEWEGT LEICHTER ARBEITEN

 

Chiara ist überzeugt, dass es uns besser ginge, wenn die Arbeitswelt mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen würde – und zieht dafür sogar Nietzsche zu Rat.

Berufstätige kennen das: ewig dauernde Sitzungen, innere Unruhe und stetig schwindende Konzentration. Sitzungen, in denen man irgendwann anfängt, auf dem Stuhl hin- und her zu rutschen und die Lendenwirbelsäule sich langsam aber sicher unangenehm bemerkbar macht. Wenn man sich nur mal kurz strecken oder aufstehen könnte. Aber wie sieht das denn aus? Was würden die Vorgesetzten denken?

Warum ist die moderne Arbeitswelt eigentlich so sitzfixiert?

Bequem sitzen zu können ist eine Errungenschaft, die man sich redlich verdient hat. Dank technischem Fortschritt und Industrialisierung können heutzutage die meisten Menschen bei der Arbeit sitzen und immer weniger Berufe in Deutschland erfordern körperliche Anstrengungen. Einen von Berufswegen gestählten Körper haben daher die wenigsten.

Ja, wir machen es uns gerne bequem und sitzen auch das ein oder andere Problem mal sprichwörtlich aus. Mit dem Eintritt in das Bildungssystem werden die Weichen für unsere Sitzkarriere schon früh gestellt: Wer stillsitzen kann, kriegt weniger Ärger in der Schule. Wer sich stets ordentlich auf den Hosenboden setzt und lernt, wird mit guten Zeugnissen belohnt. Wer besonders ausdauernd und engagiert am Arbeitsplatz sitzt, bekommt eines Tages den komfortablen Chefsessel – oder den akademischen Lehrstuhl. Sitzen ist mehr als nur eine liebgewonnene Gewohnheit. Es ist ein normkonformes Verhalten, das von uns erwartet wird.

Kreative stehen klüger

Dabei stellte schon Friedrich Nietzsche fest, man solle „keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung“. Auch die Peripatetiker, Aristoteles’ spazierende Philosophie-Schüler, gelangten im alten Griechenland durch Umherwandeln zum Erkenntnisgewinn.

In der Kreativbranche hat man das Potenzial von Bewegung bei der Arbeit schon lange erkannt (haben die etwa alle Nietzsche gelesen?). Innovationen werden z.B. mit Methoden wie Design Thinking entwickelt, bei denen man  ganz natürlich während des Arbeitsprozesses steht und umhergeht. Gerüchten zufolge sollen hippe Firmen sogar „Entstehungsräume“ anstelle von „Sitzungszimmern“ eingerichtet haben.

Bewegungsfreiheit hilft uns, Gedanken fließen zu lassen. Und gleichzeitig hilft uns eine aufrechte Haltung auch, die innere Haltung besser vertreten und ausdrücken zu können. Wir nehmen sie nur viel zu selten ein.

Sitzen ist ein stiller Killer

Die wenigsten wissen, dass Sitzen nicht nur Körper und Geist träge macht, sondern auch ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellt. Denn was so harmlos und sicher anmutet – was soll einem auf dem neuesten ergonomischen Bürostuhl denn schon passieren können? – kann uns von Diabetes über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Darmkrebs und Depressionen eine Menge Probleme bescheren. Selbst wenn man nach Feierabend regelmäßig Sport treibt, kann man die tagsüber „ersessenen“ Risiken nur bedingt kompensieren.

Genauer gesagt: Man muss für den Ausgleich einer täglichen Sitzzeit von 8 Stunden jeden Tag eine Stunde Sport treiben. Ich finde, das klingt nach einem schlechten Deal. Warum sollte ich mich den ganzen Tag auf einem Stuhl rumdrücken um dann jeden Abend mit schlechtem Gewissen ins Gym zu rennen? Wäre es nicht viel schlauer, mal an den bestehenden Sitznormen zu rütteln und den Arbeitsalltag etwas bewegter zu gestalten? Das bedeutet natürlich nicht, dass Sport überflüssig ist, aber bei einem leicht bewegten Büroalltag reichen immerhin 2,5 Stunden moderat-intensive Aktivität oder 75 Minuten hoch- intensives Auspowern pro Woche für die Förderung und Erhaltung der Gesundheit. Das finde ich deutlich realistischer.

Arbeits- und Studiumsalltag stehend und in Bewegung.
Stand-Up-Meetings bei TRANSFER TOGETHER

Im Transferprojekt beschäftige ich mich mit der Frage wie man dem „Geist“ genug Bewegung schenken und ganz nebenbei seiner Gesundheit etwas Gutes tun kann. Wie kann Arbeit ohne dauerndes Sitzen gelingen? Bei TRANSFER TOGETHER leben wir eine neue Bewegungsfreundlichkeit. Wir treffen uns zu Stand-Up-Meetings (herrlich, wie schnell da alle auf den Punkt kommen), können bei Besprechungen zwischendurch aufstehen, wann immer uns danach ist und bei gutem Wetter marschieren wir auch einfach mal mitsamt unserer Arbeitsunterlagen ins Freie. Diese neue und zugleich uralte (siehe Nietzsche und die Peripatetiker) Art des Arbeitens möchten wir mit unserem Projekt „Leicht bewegt“ in die Unternehmenswelt tragen.

Wie sieht Euer Arbeitsalltag aus? Seid ihr schon „leicht bewegt“ oder sitzt ihr noch? Und was meint ihr, braucht es um die sprichwörtlichen Sitzungen sein zu lassen?

Mit diesen Fragen verabschiede ich mich zur nächsten Teambesprechung. Sitzen muss ich da zum Glück nicht.

Chiara Dold

Chiara bringt Bewegung ins Büro: Sie entwickelt ein webbasiertes Toolkit, das Unternehmen dabei unterstützt, leichte körperliche Aktivität in den Arbeitsalltag zu integrieren. Zu Chiaras Projektseite und dem Projekt Kopfstehen.

Was denkt ihr?