VON OFFENEN DATEN UND EISERNEN KRONEN

 

unsplash.com, Henry Hustava

Max ist im Projekt zuständig für die Öffnung der Hochschule – etwa durch Open Science. Dazu blickt er auf seine eigenen Erfahrungen mit Open Science im Geschichtsstudium zurück, und erklärt wie sich sein Blick auf die Forschung als Alumnus geändert hat.

Für meinen ersten Blogbeitrag habe ich mir zwei Ziele gesetzt: Zum einen will ich über Open Science sprechen. Denn meine Aufgabe ist es nicht nur, die Social-Media-Ambitionen bei Forschenden zu wecken und schöne Blogs aus der digitalen Erde zu stampfen, sondern auch Open Science an der Hochschule zu fördern. Zum anderen will ich gleich zu Beginn mit einer Anekdote einen Bezug zu dem grimmig dreinschauenden Ritter im Titelbild herstellen. Er führt uns nämlich ins finstere Mittelalter, als Daten noch nicht geteilt wurden.

Von Eisernen Kronen

Ich habe meinen Abschluss im Bereich Mittelalter gemacht und hatte in meiner Abschlussarbeit unter anderem die sogenannte Eiserne Krone untersucht, eine Art Discounter-Krone aus Italien. Das Kuriosum dabei: Die Krone durfte nur von Königen getragen werden, aber ein dazugehöriges Königreich gab es nicht. Trotzdem wurde um diese Krone heftig gerungen. Die Forschung stempelte sie dennoch als unwichtig ab und ignorierte sie für gut hundert Jahre. Ich setzte mich also an die Quellen und belegte, dass sie so unwichtig nicht war. Meine Forschungsergebnisse sahen meine beiden Prüfer und ein paar wenige Kommiliton*innen, die meine Präsentation im Forschungskolloquium anhörten. Ich reichte die Arbeit ein. Stempel drauf. Note drunter. Ab ins Regal. Dort steht die sie jetzt und zieht fleißig Staub an.

Bis vor ein paar Monaten, als mich ein ehemaliger Kommilitone anschrieb, der zu denjenigen gehörte, die damals mit mir im Kolloquium saßen. Er arbeite jetzt in einem Museum, bereite eine Ausstellung vor und brauche dringend Informationen zu dieser Krone. Wären wir damals nicht gemeinsam im Kolloquium gesessen, hätte er nie davon erfahren. Mein kleiner Input zur Eisernen Krone wäre im Schrank weiter verstaubt und er hätte weitersuchen müssen.

Muss das sein? Open Access soll solche Zustände verhindern, sagt mein Twitter-Feed.

„Open Science hat zum Ziel, Wissenschaft für alle Menschen einfacher zugänglich und erfahrbar zu machen und sie in einen intensiveren Austausch mit der Gesellschaft zu bringen. Open Access stärkt als Teil von Open Science den freien Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen im Internet.“ (Open-Access-Policy, PH Heidelberg)

Ich blicke noch arg- und ahnungslos auf diese neue, offene Wissenschaftswelt, denn in sechs Jahren Geschichtsstudium bin ich kaum mit Open Science in Berührung gekommen. Für meine Hausarbeiten war ich immer auf den Zugang zur Unibibliothek angewiesen, und  wenn etwas digital verfügbar war, dann nur mit Uni-Account. Es gab zwar auch offene Zeitschriften, wie HSOZKULT und Portale wie Google Books – aber die waren selten ergiebig. Die meiste Zeit schleppte ich Bücher, die ich nur in die Finger bekam, weil ich Student war.

Aus den Augen eines Alumnus

Jetzt, da mein Studium vorbei ist, bekomme ich umso stärker zu spüren, in welch eigenem Kosmos ich mich da bewegt habe. Und welchen Eindruck die Forschungswelt auf Außenstehende machen kann.

Wenn ich damals meiner Familie von Neuigkeiten aus der Geschichtswissenschaft berichtete, sprach ich über Wissen und Forschungsdebatten, die nur mir und meinen Kommiliton*innen zuteilwurden, weil wir studierten. Die wenigstens Forscher*innen pflegen ihre Homepage überhaupt ausreichend und suchen so eifrig die Öffentlichkeit, damit Laien erfahren, was in den Büros, Bibliotheken und Archiven derzeit erforscht wird. Es bleiben Fachkonferenzen, Bücher und Ausstellungen, in denen lediglich Ergebnisse präsentiert werden – Top-Down-Prinzip. Ein breiter gesellschaftlicher oder ergebnisoffener Diskurs wird dadurch kaum gefördert.

Ich will damit nicht sagen, dass sich die Geschichtswissenschaft in ihrem Elfenbeinturm verkriecht: Gastartikel in Zeitungen und Auftritte in Talkshows, Social-Media-Kanäle und Blogbeiträge – viele Historiker*innen treten häufig und gerne als Menschen vom Fach auf. Sie erklären Wissenschaft für die breite Öffentlichkeit. Als Beispiele fallen mir unter anderem die Streitgespräche in der Schweiz zwischen dem Heidelberger Historiker Thomas Maissen und dem Populisten Christoph Blocher ein, oder die Twitter-Aktion „Heute vor 70 Jahren„.

Aber: Als Alumnus ohne Zugriff auf die Unibibliothek habe ich hohe Hürden zu nehmen, um weiterhin am Ball zu bleiben. Ich glaube, hier macht es sich die Forschung unnötig schwer. Das derzeitige System geschlossener Türen behindert nicht nur die Forschung, sondern schafft vermeidbare Gräben zwischen der Gesellschaft und der Wissenschaft. Schon 2001 erkannten einige kluge Köpfe in Budapest dieses Problem und setzten mit der Open Access Initiative den Grundstein für eine breite und vielschichtige Bewegung.

Ich will mit diesem und folgenden Beiträgen meinen Einstieg in die Welt von Open Science dokumentieren. Mein erster Schritt: Open Access. Mich treibt aktuell vor allem die Frage um, wie (und wo) veröffentlicht man am besten eine bereits fertige Arbeit. Ich werde bald über meine Fortschritte berichten und freue mich bis dahin auf den Austausch!

Max Wetterauer

Max ist im April zum Projekt TRANSFER TOGETHER gestoßen und ist für den Bereich Offene Hochschule zuständig. Aktuell beaufsichtigt er die Baustelle „Blog“. Zu Max‘ Projektseite.

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