WIE BEGEGNEN WIR ANTIZIGANISMUS IN DER SCHULE?

 

unsplash.com, Neonbrand
Egal, ob bei der Wohnungssuche oder in der Schule – Sinti und Roma werden in Deutschland zwar diskriminiert, aber in der Gesellschaft herrscht kaum ein Bewusstsein dafür. Nadine beschäftigt sich mit verschiedenen Formen der Diskriminierung und gibt Lehrkräften Hilfsmittel an die Hand.

Anti-was?“, höre ich häufig, wenn ich erkläre, woran ich arbeite. Im Teilprojekt Interkulturelle Bildung befasse ich mich mit der Prävention von Antiziganismus; also der Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen, die unter dem Begriff  des sogenannten „Zigeuner“ diskriminiert werden. Das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V. definiert den Begriff wie folgt:

„Antiziganismus bezeichnet einen spezifischen Rassismus gegen Sinti und Roma und umfasst verschiedene Ebenen, die ein Ergebnis jahrhundertealter Vorurteile sind. […] Zuletzt beschreibt Antiziganismus die strukturelle und institutionalisierte Diskriminierung von Sinti_ze und Rom_nja“ (IDA  2016:44)
80 Prozent erfahren Diskriminierung in der Schule

Antiziganismus ist allgegenwärtig – insbesondere in der schulischen Ausbildung wird dies deutlich. Im Jahr 2016 zählte der Verein Amoro Foro e.V. 15 antiziganistische Vorfälle allein in Berlin: Schulpersonal schritt demnach bei Mobbing nicht ein und tätigte antiziganistische und abwertenden Aussagen im Unterricht. Schon 2011 erkannte Daniel Strauß in seiner Bildungsstudie, dass 44 Prozent der Sinti*ze und Rom*nja keinen Bildungsabschluss hatten. Damals berichteten außerdem rund 80 Prozent von Diskriminierungserfahrungen in der Schule.

Trotzdem: In der pädagogischen Praxis spielt Antiziganismus kaum eine Rolle. Vielmehr werden Sinti*ze und Rom*nja mit dem Stigma der bildungsfernen und -ablehnenden Gruppe belegt. Konflikte werden ethnisiert, ihr Grund also in der Herkunft gesucht. Auch pädagogische Fachkräfte haben diese verallgemeinernde Haltung verinnerlicht. Folgt man dieser Logik, müssten Sinti*ze und Rom*nja ihr Verhalten ändern, um das Problem zu lösen. Dabei wird allzu häufig übersehen, dass es die Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft ist, diskriminierende und antiziganistische Verhaltensweisen zu erkennen und zu bekämpfen.

Jane Schuch bringt hier die Perspektive der Minderheit ein und spricht von den „minderheitenspezifischen Bildungsbarrieren“, die Sinti*ze und Rom*nja vor allem aufgrund kontinuierlichen Diskriminierung erfahren. Auch die Schulen haben dazu beigetragen.

Thematisierung im Unterricht

Es ist daher auch Aufgabe der Bildungspolitik, das Problem anzupacken: Nicht nur, indem durch Gemeinschaftsschulen versucht wird die Verteilungs- und Chancengleichheit wieder herzustellen, sondern auch durch die Umsetzung der Inklusion. Seit dem Schuljahr 2016/17 ist der neue Bildungsplan für Baden-Württemberg in Kraft getreten. In ihm ist die unterrichtsübergreifende   Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt“ (BTV) festgehalten. Damit wird der Minderheitenschutz nun explizit genannt und im Bildungsplan verankert. Lehrkräfte sind nun angewiesen, die Geschichte der Sinti*ze und Rom*nja im Unterricht aufzugreifen und der Diskriminierung entgegenzuwirken.

Welche Materialien braucht man, um das Thema  im Schulunterricht zu behandeln? Wie können gängige Vorurteile und Ressentiments abgebaut werden? Anhand welcher Kriterien kann das Material bewertet werden?

Mittlerweile finden sich einige Materialien, Onlineangebote und Lehrerhandreichungen, die Lehrkräften zur Verwendung im Unterricht angeboten werden. Dazu gehören etwa die inhaltlich gut erarbeiteten Konzepte im Methodenhandbuch Antiziganismus oder im Materialheft der Lupe e.V. Leider gibt es aber auch Materialien, die Vorurteile des Antiziganismus weitertragen und nicht einfach so im Unterricht benutzt werden sollten. Für Lehrkräfte ist es schwierig, hier die richtige Wahl zu treffen.

Neben Fortbildungen, Multiplikator*innenschulungen und der Verankerung in der Lehrerinnen*ausbildung werden deshalb dringend Kriterien benötigt, die als Hilfestellung zur Beurteilung der Materialien hergenommen werden können.

Als Hilfestellung für die Präventionsarbeit von Antiziganismus in jedweder Form von Lehre habe ich im Rahmen einer Forschungsarbeit daher ein Kategoriensystem entwickelt. Es konzentriert sich auf drei Themenbereiche: pädagogische Haltung, Rassismusverständnis und Antiziganismusverständnis. Ich habe mein Systeme auch exemplarisch an einigen Materialien getestet. Allerdings frage ich mich, ob mein Raster in der Praxis anwendbar ist. Ich möchte es daher mit euch teilen.

Ich hoffe, euch damit eine Hilfe an die Hand zu geben und würde mich über Feedback oder Erfahrungsberichte sehr freuen.

Nadine Povoden

Nadine geht gegen die Diskriminierung von Sinti und Roma vor: In ihrem Projekt zur Prävention von Antiziganismus entwickelt sie Methoden und tauscht sich darüber mit regionalen Partnern aus. Zu Nadines Projektseite.

Kommentare (2)

Hallo Herr Ortmeyer,

ich kann gerne den Kontakt mit den Autor*innen des Methodenhandbuchs nochmal herstellen. Darüber hinaus planen wir Multiplikator*innenschulungen die sicherlich auch für die Referendarsausbildung interessant wäre. Wir würden uns über eine Zusammenarbeit sehr freuen. Schicken Sie mir doch per Mail ihre Kontaktdaten, dann werde ich Sie diesbezüglich informieren.

Grüße nach Frankfurt
Nadine Povoden

Hallo,

für mich als ehemaligem Grundschullehrer ist das kolossal wichtig. Ich hatte schon einmal versucht, ein Projektangebot von den Leuten des Methodenhandbuchs hier in Hessen der GEW (Erziehungsgewerkschaft) – genauer „lea“ – der Bildungsgesellschaft der GEW in Hessen anzubieten und zu vermitteln, leider ohne Erfolg. Vielleicht könnt ihr das mit mehr Autorität als die eines ‚kleinen Lehrerleins‘ noch einmal versuchen? (https://www.lea-bildung.de/home/) Ich wäre auch gerne bereit, dabei zu helfen.
Das fände ich Klasse. Direkt offiziell an die Referendarsausbildung wäre vielleicht auch eine Idee, aber da habe ich keinen Draht zu.

Gutes Gelingen
Chris Ortmeyer – Frankfurt

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