VON INTENSIVBETTEN UND CO2-BUDGET

 

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Haben wir uns nach einem Jahr Pandemie im Umgang mit Krisen bewährt – und können wir daraus etwas für die Klimapolitik ableiten? Christina Trautmann (Climate Change Education) und Tillmann Woller (stud. Hilfskraft) ziehen Bilanz, wie die Gesellschaft mit ihren endlichen Gütern umging.

Im April 2020 hatte Christina für den Blog TRANSFER TOGETHER einen Beitrag über die Gemeinsamkeiten von Corona- und Klimakrise geschrieben: “Sie sind existenziell, betreffen uns alle und können nur gemeinsam gelöst werden.” Ein Jahr später wollen wir bilanzieren, wie die deutsche Gesellschaft auf die Coronakrise reagierte und wie sich die Pandemie auf den globalen Klimaschutz ausgewirkt hat.

Dazu stellen sich einige Fragen: Wie gingen wir im letzten Jahr mit Allmendegütern um, also Gütern, die alle in Anspruch nehmen und die gleichzeitig doch nur begrenzt verfügbar sind? Für die Coronakrise können die Intensivbetten als Allmendegut interpretiert werden. Haben wir uns vorausschauend verhalten, damit es gar nicht erst zu Engpässen in der Gesundheitsversorgung und einer wirklich existenziellen Gefahr kam? Oder haben wir kurzsichtig entschieden und damit eine Eskalation der Krise riskiert?

Abstrakte Bedrohungen, konkrete Zahlen

Die Anzahl der Intensivpatient:innen stieg ab Anfang April 2020 exponentiell, bis sie am 19. des Monats einen Höhepunkt erreichte. Daraufhin ging die Auslastung rapide zurück und blieb bis Mitte September auf einem konstant niedrigen Niveau. Der ein oder die andere dachte wohl schon, die Bedrohung des Coronavirus sei gebannt. Es kam schließlich nicht zu einer Überforderung des deutschen Gesundheitssystems.

Dass die Gefahr gebannt sei, stellte sich als vollkommende Fehleinschätzung heraus. Die “zweite Welle” türmte sich geschlagene dreieinhalb Monate zwischen Mitte September und 3. Januar 2021 auf, bis sie in Folge des seit Mitte Dezember verhängten Lockdowns brach. Die Anzahl der Intensivpatient:innen mit Covid-19 übertraf die der “ersten Welle” bei weitem: 5745 im Vergleich zu 2928, dem Höchststand am 19. April 2020. Die Intensivbettkapazitäten wurden in der Zwischenzeit stark erhöht und waren nie näher als 2988 Betten an der Auslastungsgrenze. Zudem existieren Notfallreserven von circa 11.000 Intensivbetten.

Wir lehnen uns zurück, wenn die Gefahr gebannt scheint

Was können wir aus diesem Verlauf nun ableiten? Ein strenger Lockdown, also ein erheblicher Eingriff in die Freiheit, scheint das einzige Mittel zu sein, mit dem wir ein solch abstraktes Problem kontrollieren können. Außerdem entsteht der Eindruck, dass die Situation politisch unterschätzt wird, sobald sie sich oberflächlich verbessert, wie etwa im Sommer 2020. Die Gefahr, dass sich alles wiederholt, wird dabei ausgeblendet.

Oder gibt es weitere Gründe dafür, warum die zweite Welle so richtig ins Rollen kommen konnte?

Vielleicht liegt die Antwort an den sonstigen Ressourcen zur Pandemiebekämpfung. Es wäre zumindest logisch, mehr Freiheiten trotz steigender Infektionszahlen weiterhin gewährleisten zu können, wenn etwa durch Masken, Schnelltests, bessere Behandlung und höhere Intensivbettkapazitäten die Mortalitätsrate minimiert worden wäre.

Doch bei näherer Betrachtung scheint die steigende Auslastung der Intensivbettkapazitäten nicht in ein Konzept aus solcherlei Maßnahmen eingebettet worden sein, das zur Beruhigung der Krise beigetragen hat. Das ist an den exponentiell steigenden Todeszahlen pro Tag ablesbar. Zwischen Mitte Oktober 2020 und Mitte Januar 2021 stiegen sie kontinuierlich, bis sie am 14. Januar 2021 einen Höchststand mit 886 Toten erreichten.

Wieso lenkte die Politik nicht früher ein?

Zu aller erst besitzt die Politik natürlich auch keine Kristallkugel, in der sie in die Zukunft schauen kann und Mutationen im Vorhinein kommen sieht. Gesundheitsminister Jens Spahn, der im Dezember angab, dass er kein Problem damit habe, sich in dieser dynamischen Lage immer wieder selbst korrigieren zu müssen, hat sicherlich einen Punkt, wenn er Verständnis für Entscheidungen einfordert, die in Krisensituationen getroffen worden sind.

Außerdem wird die Schwerfälligkeit des bürokratischen Apparats in Deutschland ihren Teil zu einer wenig effizienten Lösung des Problems beigetragen haben.

Dennoch entsteht der Eindruck, dass eine Politik des Klein-Kleins gemacht und aus Fehlern wenig gelernt wurde, auf die Spitze getrieben in den Bund-Länder-Treffen. Am 13. Dezember 2020 wurde in Folge eines solchen Treffens endlich die Reißleine gezogen und unter dem Titel “Wir sind zum Handeln gezwungen” wurde auf der Internetseite der Bundesregierung der zweite Lockdown verkündet.

Corona: Ein Wendepunkt in der globalen Klimapolitik?

Ähnlicher Handlungsdruck lastet auch auf der globalen Klimapolitik. Was hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie eigentlich in diesem Bereich getan?

Immerhin sind die globalen Treibhausgasemissionen im Jahr 2020 stark gefallen. Aktuellsten Schätzungen der internationalen Energieagentur zufolge wurden im letzten Jahr global 5,8 Prozent weniger klimawirksame Gase in die Atmosphäre abgegeben als 2019. Nach Angaben des Umweltbundesamts reduzierten sich die Treibhausgasemissionen Deutschlands im Vergleich zum Vorjahr um 8,7 Prozent. Damit hat Deutschland sogar noch das bis vor der Pandemie zunehmend unrealistisch erscheinende Zwischenziel für 2020 erreicht, die nationalen Treibhausgasemissionen im Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990 zu reduzieren. Also haben wir sowohl national als auch international im letzten Jahr große Fortschritte im Klimaschutz gemacht? Nicht so ganz.

Die Emissionsreduktionen im Jahr 2020 sind nur das Ergebnis geringerer wirtschaftlicher Aktivitäten als Folge der Pandemie, nicht aber ein Effekt der angestrebten Dekarbonisierung von Wirtschaft und Gesellschaft für die notwendige Transformation hin zu einer klimaneutralen Menschheit.

Im Schatten der Pandemie

Wie genau diese erreicht werden soll, ist immer noch unklar – und das fünf Jahre nach der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens. Das Ziel, den globalen Temperaturanstieg auf “deutlich unter 2°C” gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, wird durch die ursprünglich mit dem Inkrafttreten des Vertrags formulierten Beitragsangebote der Mitgliedsstaaten deutlich verfehlt werden. Die im letzten Jahr erfolgten Aktualisierungen der Beitragsangebote haben die Erfolgsaussichten nur geringfügig erhöht. Laut dem Climate Action Tracker wird die globale Temperatur unter den gegenwärtig formulierten Ambitionen bis Ende des 21. Jahrhunderts um 2.3 bis 2.6°C ansteigen.

Durch den Machtwechsel in den Vereinigten Staaten und den Wiederbeitritt der USA ins Pariser Klimaabkommen erscheint der globale Klimaschutz immerhin wieder als ein internationaler Kraftakt unter Verbündeten. Es ist noch kein klarer Weg zur Lösung der Klimakrise gefunden worden, aber die Wahrscheinlichkeit, den Temperaturanstieg auf unter 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzen zu können, ist gestiegen. Das Trittbrettfahrerproblem in der Klimapolitik – dass auch die Passiven von den Bemühungen der Aktiven bei der Erreichung des 2°C-Ziels profitieren – ist in Bezug auf den Schutz von Allmendegütern immer eine Gefahr. Es haben jedoch 191 von 195 Staaten der Vereinten Nationen das Abkommen unterzeichnet. Das gibt Hoffnung.

Dennoch darf der Klimaschutz nicht weiter im Schatten der Pandemie in Vergessenheit geraten. Dass die Konferenz der Vertragsparteien der UN-Klimarahmenkonvention im letzten Jahr wegen der Pandemiebedingungen ausgesetzt wurde, war verständlich, aber gleichzeitig ein Rückschlag für den Klimaschutz. Ein internationales Treffen zum gemeinsamen Austausch über die Verbesserung der nationalen Ambitionen zum Erreichen der Klimaziele wäre dringend notwendig gewesen.

Wir dürfen uns nicht zurücklehnen

Mit den gegenwärtigen globalen jährlichen Treibhausgasemissionen, die sich trotz der pandemiebedingten Reduktionen immer noch insgesamt im Aufwärtstrend befinden, bleiben uns nicht mal mehr 25 Jahre, bis unser Emissionsbudget für das 2°-Ziel aufgebraucht ist.

Wir wissen sowohl bei der Corona- als auch bei der Klimakrise noch nicht, wann wir sie unter Kontrolle bekommen werden. Deswegen geben uns kleinere Erfolge, wie die Reduktion der Treibhausgasemissionen 2020, Hoffnung. Nach wichtigen Schritten zur Krisenbekämpfung, wie dem Lockdown oder dem Pariser Abkommen, dürfen wir uns jedoch nicht zurücklehnen. Wir müssen weiter an der Bekämpfung beider Krisen arbeiten. Sei es an Impfstrategien oder einer politischen und wirtschaftlichen Wende hin zu umfassendem nationalen und globalen Klimaschutz.

Christina Trautmann
Christina Trautmann

Christina stellt zusammen mit Firmen unterschiedlicher Sektoren Workshops für Azubis auf die Beine, die das Thema Klimawandel verständlich beleuchten und die Notwendigkeit zur Anpassung greifbar machen. Zu Christinas Projektseite.

Tillmann Woller, Team, MRN, Transfer Together
Tillmann Woller

Till ist seit Januar 2021 als studentische Hilfskraft bei der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH angestellt und unterstützt Melanie und Nina bei TRANSFER TOGETHER. Als angehender Lehrer interessiert er sich besonders für die Arbeit der zahlreichen tollen Bildungsakteure in der Region.

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