JENSEITS EINES VORURTEILS

 

Am 8. April findet alljährlich der #Romaday statt, um auf Antiziganismus aufmerksam zu machen, die Diskriminierung von Sinti und Roma. Aber was steckt hinter dieser Diskriminierungsform, woher kommt Antiziganismus, wie steht es um die Sinti und Roma in Deutschland und was macht Antiziganismus mit unserer Gesellschaft? Julian vom Teilprojekt Antiziganismusprävention gibt einen Einblick.

Anti-. Anti- was?“ Wenn ich erzähle, dass ich mich mit dem sozialen Phänomen Antiziganismus beschäftige, ernte ich meistens viele fragende Blicke von Freunden, Familienangehörigen und auch Mitstudierenden. Das zeigt: Wir wissen noch zu wenig über die Diskriminierungsform Antiziganismus. Die meisten Menschen kennen zwar den Begriff nicht, wohl aber stereotype Darstellungen, die Teil von Antiziganismus sind. Diese Diskrepanz stellt eine ignorierte Wahrnehmung und Anerkennung der Reichweite, Tiefe und Bilder von Antiziganismus dar, die die Formulierung von effektiven Antworten zur Bekämpfung von Antiziganismus verhindern. Antiziganismus meint einen historisch gewachsenen und stabilen Komplex aus Zuschreibungen, Wirkungsformen und daraus resultierenden gewalttätigen Handlungen gegen Menschen die unter dem Stereotyp des „Zigeuners“ wahrgenommen werden.

Die Auswirkungen der Diskriminierungsform Antiziganismus zeigen sich in ganz Europa. Beispielsweise als der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident und Innenminister Italiens Matteo Salvini 2018 Roma in Italien staatlich erfassen will und Zwangsausweisungen vorbereiten ließ. Oder wenn der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und seine populistische Partei Fidesz im Januar 2020 in einer Pressekonferenz ein Rechtsurteil eines ungarischen Berufungsgerichts in Frage stellte. Darin war der ungarische Staat zu Schadenersatzzahlungen für die rechtswidrige segregierte Beschulung von Roma-Kindern im ostungarischen Ort Gyöngyöspata verurteilt worden. Oder wenn wütende Mobs in Selbstjustiz Sinti und Roma ermorden, wie 2018 im ukrainischen Lwew (Lemberg) geschehen.

Antiziganismus in Deutschland

Doch auch in Deutschland ist Antiziganismus genauso weit verbreitet, wie in anderen europäischen Staaten. In Deutschland sind viele zugewanderte Roma abgeschoben worden, da die Staaten des ehemaligen Jugoslawien (heute Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien. Slowenien, Montenegro) zu sichereren Herkunftsländern erklärt wurden. Die Verfolgung der Roma in diesen Ländern wurde als Asylgrund nicht anerkannt. Ein anderes Beispiel: Erst vor kurzem wurde eine jahrhundertealte Sondererfassung von Sinti und Roma aus den Statistiken der Landeskriminalämter gestrichen.

Diese Beispiele führen uns sehr deutlich vor Augen, dass Menschen in ganz Europa aufgrund der Wirkmächtigkeit von Antiziganismus diskriminiert, ausgeschlossen oder sogar verfolgt werden.

Wir benötigen eine offene Diskussion und die Arbeitsstelle Antiziganismusprävention an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg möchte dazu beitragen.

Was ist Antiziganismus?

Antiziganismus bezeichnet eine spezifische Form des gesellschaftlich etablierten Rassismus gegen gesellschaftlich geschaffene Gruppen.

Einerseits beinhaltet Antiziganismus, wenn die Mehrheitsgesellschaft aus bestimmten rassistischen Vorurteilen und Bildern ein Stereotyp des fiktiven „Zigeuners“ erschaffen hat bzw. das Stereotyp damit verbunden wird. Andererseits benennt Antiziganismus die daraus folgenden Diskriminierungen, Ausgrenzungen bis hin zu Verfolgungen der Menschen, die unter dieses Stereotyp fallen. In Deutschland werden meist Menschen aus der Minderheit der Sinti und Roma mit diesem Stereotyp in Verbindung gebracht und deshalb diskriminiert. Mit der Ideologie des Antiziganismus haben Sinti und Roma jedoch nichts gemein.

Die Wirkung des Antiziganismus lässt sich in einer Vereinheitlichung, Stigmatisierung und Reduzierung der Persönlichkeit der diskriminierten Individuen beschreiben, die in der Schaffung der gesellschaftlichen Gruppe „der Zigeuner“ endet. Diesem werden deviante, vormoderne oder archaische Eigenschaften als Charaktereigenschaft zugeschrieben. Letztendlich wird diese geschaffene Gruppe gegenüber der gesellschaftlichen Normvorstellung als negatives Gegenstück positioniert. Auch in Darstellungen und Handlungen wird dieses Sinnbild immer wieder aufrechterhalten. Unter den sich immer wiederholenden antiziganistischen Handlungen und Denkmustern trägt die Konsequenz die antiziganistisch diskriminierten Menschen. Auf gesellschaftlicher, staatlicher und institutioneller Ebene erfahren Menschen Diskriminierung und Ausgrenzung in Bereichen wie Bildung, Arbeit, Gesundheit, Wohnen bis hin zu physischer Gewaltanwendung.

Weitere Informationen zur Arbeitsdefinition des Antiziganismus findest ihr im Grundlagenpapier der Allianz gegen Antiziganismus.

Wie aktuell ist Antiziganismus?

Zugegeben, das Wort Antiziganismus ist für viele nicht gerade griffig. Und genau diese überwiegende Unwissenheit über die Diskriminierung und die dem gegenüberstehende Dominanz der Erscheinungsform des Antiziganismus ist Teil des Problems. Meiner Einschätzung nach zeigt uns diese „Unwissenheit“ die Notwendigkeit einer gesamtgesellschaftlichen Reflexion über die Struktur, die Antiziganismus ausmacht. Denn nicht nur in Europa werden Menschen aufgrund von Antiziganismus diskriminiert, auch in Deutschland ist Antiziganismus innerhalb der Mehrheitsgesellschaft weit verbreitet und besitzt eine hohe, unhinterfragte Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft (im Gegensatz zu anderen Formen des Rassismus, die häufiger abgelehnt werden).

Für Deutschland ist das belegbar: In der Leipziger Autoritätsstudie von 2018 wurde die Einstellung der telefonisch Befragten aus dem gesamten Bundesgebiet zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen eingeholt, aber auch die persönliche Einstellung zum Thema Antiziganismus. Der Aussage „Sinti und Roma sollten aus den Innenstädten verbannt werden“ stimmten 49,2 Prozent der Befragten zu. Bei der Aussage „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“ waren es sogar 60,4 (!) Prozent Zustimmung. 56 Prozent wollten Sinti und Roma nicht in ihrer Nähe haben. Die Zustimmung zu diesen Aussagen war auch in den früheren Erhebungen konstant hoch und ist seitdem zum Teil noch gestiegen.

Auch aus dem Bericht der Dokumentationsstelle Antiziganismus („Dosta“) des Vereins Amaro Foro e.V. von 2019 für das Bundesland Berlin zeigen die Zahlen ein ähnliches Bild. Die Dokumentationsstelle Antiziganismus hat im Zeitraum von 2015 bis 2018 insgesamt 588 antiziganistische Vorfälle allein in Berlin registriert. Die Dokumentationsstelle Antiziganismus geht aber von einer deutlich höheren Dunkelziffer aus.

Doch wie können wir in unserem Alltag etwas gegen Antiziganismus tun? Ein erster Schritt ist die Auseinandersetzung mit dem Thema und seiner Wirkmächtigkeit.

Was bedeutet Mehrheitsgesellschaft und was verbirgt sich dahinter?

In der Antiziganismusforschung nimmt man eine sprachliche Trennung vor. Diese Trennung von zwei handelnden Parteien soll das verzerrte, ungleiche Verhältnis ausdrücken, die typisch für Diskriminierungsformen im Allgemeinen ist. Es wird unterschieden zwischen den Menschen, die einerseits unter dem benannten Stereotyp diskriminiert werden, und andererseits jene, die diese Diskriminierungsform herstellen und dann auf Basis der Sinnstrukturen diskriminieren. Die zuletzt genannte Gruppe wird entweder als Mehrheitsgesellschaft oder Dominanzgesellschaft bezeichnet. Denn Antiziganismus wird in der Antiziganismusforschung als eine problembasierte, diskriminierende Handlungsform der Mehrheitsgesellschaft begriffen, die Menschen abwerten, die vermeintlich einem Stereotyp entsprechend würden.

Assoziationen und Zuschreibungen sind Bestandteil von Antiziganismus und bilden das Grundgerüst dieser Diskriminierungsform. Antiziganismus ist in einem künstlichen Stereotyp verkörpert, die den meisten Menschen in Zeitungen und alltäglichen Unterhaltungen begegnen. Es taucht aber auch in vielen Romanen, Opern, Filmen, Dokumentationen und Liedern auf und wird darin meist so dargestellt, dass sich die Meinung der Mehrheitsgesellschaft bestätigt fühlt. Beispielhaft ist die Oper Carmen, der mit öffentlichen Geldern mitfinanzierte Kinderfilm „Nellys Abenteur“ oder die in der Reihe Akte 20.19 gezeigte „Dokumentation“ „Roma: Ein Volk zwischen Armut und Angeberei“, die am 07. August 2019 von SAT 1 ausgestrahlt wurde, die Angehörige von Sinti und Roma diffamiert und antiziganistische Stereotype in der Mehrheitsgesellschaft schüren. Das Stereotyp wird als ein krasser Gegensatz zu den bestehenden, gesellschaftlichen Vorstellungen von einem Verhaltens- und Sittenkodex gestellt. Aus einer antiziganistisch behafteten Perspektive heraus betrachtet, kann es zum Beispiel eine Wahrnehmung einer Person sein, die mit wildem, tierischen Charakter, mit ungepflegtem Auftreten wahrgenommen wird, welche sich der Gesellschaft nicht anpassen will und meist keinen festen Wohnsitz besitzen würde.

Diskriminierung vereinnahmt die Einzelperson

Wenn über Antiziganismus gesprochen wird, zeigt meine Erfahrung aus verschiedenen Situationen, dass mit viel Emotionen und einer abstrusen Mischung aus „Wissen“ und „Erfahrungen“ gesprochen wird, die im Kern heraus antiziganistisch ist. Die Diskriminierung, die bereits seit Jahrhunderten andauert, hat ein Stereotyp des „Zigeuners“ erschaffen, indem Vorurteile und Stereotype fälschlicherweise in der Mehrheitsgesellschaft als tatsächliches „Wissen“ angesehen wird. Und dieses „Wissen“ ist in vielen Köpfen der Gesellschaft fest verankert.

Das antiziganistisch aufgebaute „Wissen“ löst einen Prozess aus, bei dem sich das Stereotyp über die Wahrnehmung der Identität des Menschen legt. Die Identität vereinnahmt und schlussendlich dem diskriminierten Individuum die eigene Identität, als vielschichtiges Wesen mit eigen Vorstellungen, Bedürfnissen, Wünschen und Fähigkeiten, genommen wird.

Denn es sind Menschen, die nicht in die bestehenden Kategorien passen und mit Vorurteilen belegt werden, die wir mit gesellschaftlichen oder individuellen Normvorstellungen abgleichen. Eine so geschaffene Gruppe von Menschen wird von der Mehrheitsgesellschaft in eine Kategorie gesteckt, die mit den eben besprochenen Zuschreibungen assoziiert wird. Die damit gemeinten Zuschreibungen differenzieren sich auf verschiedenen Ebenen. Bei Antiziganismus können sich diese vermeintlichen Zuschreibungen einerseits auf geglaubte optische Merkmale, wie z.B. Kleidung beziehen. Andererseits auf vermeintliche Verhaltensweisen, die dem geschaffenen Typ des „Zigeuners“ zugerechnet werden, wie bereits an vorheriger Stelle kurz angesprochen wurde.

Antiziganismus wirkt sich auf unsere Wahrnehmung aus

Durch diese vereinheitlichte Zuschreibung aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft verlieren die Menschen, die in diese Gruppe gepackt werden, ihren Anspruch auf die Teilhabe an der Gesellschaft. Es wird eine Diskriminierungsspirale aufgebaut, die in mehreren Schritten funktioniert. Zuerst folgt der Schritt der Diskriminierung, dann der Schritt der Ausgrenzung bis hin zum Schritt der Verfolgung.

Die Diskriminierungsspirale wird von der Mehrheitsgesellschaft aufgebaut, die so über die diskriminierte Minderheit entscheidet. Die Entscheidungsmacht, die aufgrund dieses Diskriminierungsspirale geschaffen wird, betreffen die Zugänge zu Gütern, die die Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung entscheiden. Diese Güter sind beispielsweise der Zugang zur Gesellschaft, zu Bildung, zum Arbeitsmarkt und zu anderen sozialen Gütern.

„Wir“ und die „Anderen“

So werden bestehende soziale Ungleichheiten fortgeführt und sogar gefestigt. Weiter noch werden die Betroffenen von Antiziganismus durch diese Diskriminierung von der Mehrheitsgesellschaft nicht eingebunden und ignoriert. So wird ein „Wir“, der Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, hergestellt und das „Andere“, das davon abweichen würde. Dabei wird, von der Mehrheitsgesellschaft aus, eine Hierarchie aufgebaut, bei dem die Menschen die zu dem „Wir“ gehören, den „Anderen“ (diskriminierte Personen) übergeordnet werden.

Das bedeutet weiterhin, dass aus der gängigen Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, den antiziganistisch Diskriminierten unfairerweise vorgeworfen wird, selbst in der Verantwortung zu sein für ihre Lebenssituation. Die realen sozialen Ungleichheiten, die durch antiziganistische Motive und Handlungen der Mehrheitsgesellschaft verursacht werden, sowie die teilweise prekären Lebenssituationen von Betroffenen, werden dagegen nicht wahrgenommen und verdrängt.

Was macht Antiziganismusforschung?

Dem sozialen Phänomen Antiziganismus innerhalb der Gesellschaft setzt seit mehreren Jahrzehnten eine Forschungsdisziplin der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften etwas entgegen. Sie wird Antiziganismusforschung genannt. Die Erforschung der Entstehung und Wiederlegung der Inhalte dieses Stereotyps, des vermeintlichen „Zigeuners“, ist Teil der Antiziganismusforschung.  Innerhalb dieser Forschungsdisziplin geht man davon aus, dass die Mehrheitsgesellschaft Antiziganismus erschafft.

Das stellt einen Perspektivwechsel dar, zu der gängigen, vorurteilsbehafteten Perspektive und älteren Forschungsansätzen. Denn die Antiziganismusforschung sieht das Problem des Antiziganismus, in den diskriminierenden Wertungen und diskriminierenden Handlungen der Mehrheitsgesellschaft, die in verschiedenen Lebensbereichen aufkommen.

Die Minderheit der Sinti und Roma im Portrait

Sinti und Roma sind die Gruppen, die unter der Diskriminierungsform Antiziganismus europaweit am meisten diskriminiert werden. Diese Verbindung zwischen Stereotyp und Minderheit ist ein Teil des Antiziganismus, weil das Stereotyp selbst auf Fiktion beruht.

Sinti leben im deutschsprachigen Raum. Sie sind ein Teil der deutschen Gesellschaft und haben diese bereits nachweisbar seit über 600 Jahren mitgestaltet. Roma sind im 19. und 20. Jahrhundert in das Gebiet des deutschsprachigen Raums immigriert. Obwohl die Minderheit also bereits seit mehreren Jahrhunderten in Deutschland lebt, mussten sie sich immer wieder neu an die Repressionen und ausschließenden Maßnahmen der Mehrheitsgesellschaft einstellen und gezwungenermaßen damit umgehen. Neben der Eigenbezeichnung Sinti für Menschen aus der Minderheit, die aus dem deutschsprachigen Raum herkommen, ist der Begriff Roma eine selbstgewählte (nicht unumstrittene) Sammelbezeichnung für alle Menschen, der Minderheit weltweit. Sie geht auf den Welt-Roma-Kongress zurück, der ein internationales Gremium der Minderheit darstellt.

Menschen der ethnischen Minderheit der Sinti und der ethnischen Minderheit der Roma werden in der Antiziganismusforschung teilweise zusammengefasst als „Menschen mit Romno-Hintergrund“. Auch um andere Gruppen mit in diese Bezeichnung mit einfließen zu lassen, die sich nicht als Sinti oder Roma bezeichnen und das Merkmal der Minderheitenzugehörigkeit nicht zu sehr in den Fokus der Wahrnehmung zu rücken.

Der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma ist die Vertretung der Menschen mit Romno-Hintergrund in Deutschland. Er hat die Eigenbezeichnung Sinti und Roma gewählt, um die größten Gruppen von Menschen mit Romno-Hintergrund in Deutschland darzustellen. Aber auch um die Fremdbezeichnung des „Zigeuners“ mit einer selbst gewählten Bezeichnung entgegen zu setzen, die als weniger diskriminierend empfunden wird.

Genozid im Nationalsozialismus

Der überwiegende Teil der Menschen mit Romno-Hintergrund lehnt den Begriff des „Zigeuners“ als abwertende Fremdbezeichnung ab, da das Wort „Zigeuner“ im Nationalsozialismus mit den rassistisch aufgeladenen Zuschreibungen versehen wurde (das Wort war schon zuvor negativ aufgeladen). Im Nationalsozialismus wurden Menschen mit Romno-Hintergrund verfolgt. Während dieser Zeit fand der Antiziganismus mit dem Genozid an der Minderheit seinen bisher grausamsten Höhepunkt. Nach Schätzungen fielen im nationalsozialistisch besetzten Europa 500.000 Sinti und Roma dem Porajmos (Romanes für das Verschlingen) zum Opfer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg endete die Diskriminierung der Sinti und Roma in Deutschland nicht. Im Gegenteil: Sie blühte wieder auf. Deshalb gründete sich die Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma. Sie begann mit einer Demonstration in Heidelberg im Jahr 1973. Sie hatte die Emanzipation der Minderheit als Ziel. Der Auslöser dafür war, dass der Sinto Anton Lehmann im Jahr 1973 in Heidelberg-Kirchheim von Polizist*innen erschossen wurde. Dieser Mord reihte sich in eine Reihe rassistisch geprägter Übergriffe ein, die die Diskriminierung und kategorische Ausschließung der Minderheit aus der Gesellschaft förderte.

Beginn der Bürgerrechtsbewegung in Heidelberg

Kurz nach der Ermordung Anton Lehmanns schlossen sich ungefähr 100 Mitglieder*innen der Minderheit zusammen und zogen durch die Heidelberger Innenstadt.  Dies war die erste Demonstration der Minderheit in Deutschland. Sie setzten mit dieser Demonstration ein Zeichen gegen rassistische Denkweisen vieler Bürger*innen und zeigten auf, dass die Vorurteilsstruktur des Antiziganismus bis heute für die Betroffenen fatale Folgen haben.

Durch das Engagement einzelner Mitglieder*innen der Minderheit, der Organisation der Minderheit und die Unterstützung durch die Gesellschaft für bedrohte Völker entwickelte sich eine breite Bürgerrechtsbewegung. Im Jahr 1982 wurde der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg gegründet, der Dachverband der Landesverbände. Ebenso wurde das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma gegründet. Es versteht sich als Ort der Begegnung, des Dialogs sowie des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Hier wurde die erste Dauerausstellung des NS-Völkermords an den Sinti und Roma eröffnet. Durch diese Institutionen besitzen Sinti und Roma eine starke, eigene Stimme in den öffentlichen Diskursen und der Politik. Sie können so dem Fremdbild der Mehrheitsgesellschaft widersprechen.

Die Arbeitsstelle Antiziganismusprävention

Seit dem Jahr 2018 macht die Pädagogische Hochschule Heidelberg im Rahmen von TRANSFER TOGETHER mit dem Teilprojekt Antiziganismusprävention die gesellschaftlich aufgebauten Barrieren gegenüber der Minderheit transparenter und baut diese Barrieren und das Stereotyp durch Prävention ab. Aus diesem Teilprojekt ist nur ein Jahr später die Arbeitsstelle Antiziganismusprävention an der Hochschule entstanden.

Der Name ist Programm: Unsere Aufgabe ist es, sowohl die Kluft zwischen realen Konsequenzen der überdauernden Diskriminierung für Menschen mit Romno-Hintergrund, als auch die fiktiven Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft abzubauen. Unser Angebot:

  • Antiziganismuskritische Inhalte in der Lehrer*innenbildung integrieren,
  • Ansprechpartner*innen sein für Menschen mit Romno-Hintergrund in- und außerhalb der Hochschule,
  • Erarbeitung und Durchführung von Workshops und Mediator*innenausbildungen,
  • Beteiligung an wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen rund um Antiziganismus und dessen Prävention mit eigener Forschung und didaktischen Ideen.
Ein Stadtrundgang durch die Geschichte

Eines unserer ersten großen Projekte war der Digitale Stadtrundgang über die Geschichte  und aktuelle Situation von Heidelberger Sinti und Roma. Der virtuelle Stadtrundgang wurde in einem Seminar des Faches Geschichte im Sommersemester 2018 an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg in Kooperation mit der Lupe e.V. – Verein für Historische Forschung und Geschichtsvermittlung erstellt.

Der Rundgang basiert auf einer digitalen Karte von Heidelberg. In dieser Karte wurden Orte markiert, die mit wichtigen Ereignissen aus der Geschichte der Sinti und Roma verbunden sind. Die Markierungen auf der Karte des Rundgangs führen zu thematisch aufgebauten Webseiten. Mit multimedialer Unterstützung sind auf jeder Seite Schwerpunktthemen ausgewählt worden, die unterschiedliche Videos und Bilder zeigen. Die Schwerpunktthemen sind unter anderem:

  • die Rezeption von Darstellungen über Roma und Sinti,
  • die Bürgerrechtsarbeit der Minderheit,
  • die Geschichte der Vertreibung der Heidelberger Sinti im Nationalsozialismus und vieles weitere.

Über die gesamte Zeit des Seminars brachten verschiedene Akteur*innen aus ganz Deutschland ihre Erfahrungen und Expertisen zum Thema Antiziganismus in das Seminar ein, die in ausgewählten Ausschnitten im Digitalen Stadtrundgang zu sehen sind.

Die Minderheitengeschichte soll die Besucher*innen der Website dazu auffordern, sich inhaltlich mit eigenen diskriminierenden Verhaltensweisen auseinanderzusetzen und Stereotype über die Minderheit abzubauen.

Weitere Informationen

Wenn ich nun euer Interesse geweckt habe, könnt ihr euch auf unserer Website, der Website der Arbeitsstelle Antiziganismusprävention, genauer über die Diskriminierungsform Antiziganismus informieren. Dort findet ihr viele weitere Informationen zu unserer Arbeit. Wir würden uns freuen mit euch ins Gespräch zu kommen.

Möchtet ihr darüber hinaus noch mehr über Antiziganismus erfahren? Hier findet ihr Literatur dazu mit einer kurzen Erläuterung zu den jeweiligen Titeln:

  • Die Allianz gegen Antiziganismus ist ein Zusammenschluss aus circa 100 Organisationen, verschiedenen Akteur*innen aus der Minderheit und der Antiziganismusforschung etc., die sich für eine gleichberechtigte Teilhabe für Roma und Sinti einsetzen. In ihrem Grundlagenpapier haben sie eine aktuelle Arbeitsdefinition über Antiziganismus festgehalten. Darüber hinaus fördert Sie ein gemeinsames kritisches Verständnis von Antiziganismus als einer speziellen Form des Rassismus: http://antigypsyism.eu/wp-content/uploads/2017/07/Grundlagenpapier-Antiziganismus-Version-16.06.2017.pdf , aufgerufen am 31.03.20.
 Literaturempfehlungen
  • Albert Scherr/Lena Sachs: Bildungsbiografien von Sinti und Roma. Erfolgreiche Bildungsverläufe unter schwierigen Bedingungen. Bonn 2018
  • Karola Fings: Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit. München 2016
Julian Harm

Julian Harm ist studentische Hilfskraft in der Arbeitsstelle Antiziganismusprävention und studiert an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

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