ENDE DER NETZWERKARBEIT?

 

Networking, Einsamkeit, unsplash.com, Matthew Henry
Die Frage, „Was tust du jetzt den ganzen Tag?“ hört Laura in ihrer Funktion als Netzwerkkoordinatorin jetzt häufiger. Der Kern jeder Netzwerkarbeit – das gemeinsame Lernen und Entwickeln vor Ort – ist aktuell unmöglich und eine Veränderung ist (noch) nicht in Sicht. Welche Herausforderungen die außerschulische (MINT-)Netzwerkarbeit meistern muss und wie sie das tut, reflektiert Laura in diesem Blogbeitrag.

Vor-Ort-Veranstaltungen in der Corona-Pandemie? No Way! Der Kern der Netzwerkarbeit liegt auf Eis. Das gilt nicht nur für Netzwerktreffen, sondern auch für die Durchführung außerschulischer MINT-Bildungsangebote in Schulen – die waren ja lange dicht – und in den Institutionen selbst. Das bedeutet, dass sowohl die Netzwerkentwicklung als auch die eigentliche Förderung von MINT-Interesse und MINT-Kompetenzen brach liegen.

Das merke ich an meiner verwaisten MINT-Infomail und an meinem beinahe leeren Kalender. Was läuft eigentlich im Netzwerk? Welche Probleme, Herausforderungen, Erfahrungen und Lösungsansätze stehen gerade im Mittelpunkt? Ohne den Austausch, kann ich nur spekulieren. Das ist nicht gerade fruchtbar. Aus diesem Grund habe ich nach dem Vorbild der MINT-Regionen-Initiative einen kollegialen Austausch für das MINT-Netzwerk „Metropolregion Rhein-Neckar“ im virtuellen Raum ins Leben gerufen. Breit genutzt wird das allerdings noch nicht. Warum eigentlich?

Digitaler Overkill

Wir können die Verlagerung von Kooperation, Lernen und Austausch ins Virtuelle nicht nur im Bereich Homeschooling beobachten. Viele Homeoffice-Tätigkeiten und zunehmend wieder nutzbare Büroräume leben von Kommunikationsplattformen, Videokonferenzen oder Webinaren. Die Digitalisierung wird durch Corona extrem angestoßen und führt oft zu innovativen Ideen, Kontakte trotz Social Distancing produktiv beleben zu können. Diese ad hoc Digitalisierung hat jedoch auch Nachteile: Einmal benötigte technische Ausstattung, Datensicherheit und notwendige Zugangsberechtigungen ausgeklammert, ergeben sich Probleme bei der Verlagerung jeglicher Aktivitäten in den virtuellen Raum:

Wie wird die Interaktion bei Videokonferenzen oder Webinaren sichergestellt? Wie werden die jeweiligen Zielgruppen erreicht? Welche digitalen Programme eignen sich für welche Veranstaltungsformate?

Hinzu kommt, dass die Aufmerksamkeitsspanne für virtuelle Konferenzen geringer ist, als bei Treffen vor Ort. Ich arbeite den gesamten Arbeitstag am Bildschirm, sitze viel auf meinem Hintern (auch, wenn ich es besser weiß) und kann mich in virtuellen Konferenzen maximal zwei Stunden am Stück konzentrieren. Daher versuche ich es zu vermeiden, mehr als zwei Konferenzen pro Tag beizuwohnen. Gar nicht so leicht, denn das digitale Angebot wächst und wächst und wächst. Langsam aber sicher bemerke ich diesen digitalen Overkill und wünsche mir weniger virtuelle und mehr echte Treffen. Wie lang soll das noch so gehen?

Unsichere Zukunft

Leider ist das in der aktuellen Situation schwer abzuschätzen. Wir können nicht sicher sagen, wann größere Veranstaltungen wieder möglich sind. Also ist es auch schwierig, zukünftige Veranstaltungen zu planen, Zeiträume festzulegen, abzuschätzen, wie viel „Konkurrenzveranstaltungen“ kollidieren könnten. Und damit endet die Unsicherheit nicht.

Auch die sich aktuell entwickelnde Wirtschaftskrise wird sich in den MINT-Netzwerken niederschlagen. Netzwerkangebote brauchen finanzielle und personelle Mittel. So gesehen ist die Arbeit im MINT-Netzwerk ein zusätzliches Engagement, ein Luxus, den sich nicht mehr alle leisten können.

Zudem müssen auch die Schulen, die häufig Hauptzielgruppen sind, erst einmal aus der Schockstarre treten, sich akklimatisieren und einen neuen Alltag in der veränderten Realität finden. Die Nutzung außerschulischer MINT-Lernangebote ist auch aktuell von dieser Seite gesehen ein Luxus, dessen Priorität eher auf den unteren Plätzen rangiert. Wie geht es nun weiter mit der Netzwerkarbeit?

Probleme sind dornige Chancen

Das bisher gezeichnete Bild wirkt düster – das gebe ich zu. Probleme bergen aber auch immer Chancen und treiben neue Ideen voran. Die neuen Erfahrungen können wir ebenfalls nutzen, um die Netzwerkarbeit effizienter und zukunftsfähig zu gestalten.

Wir haben mittlerweile erfahren, dass die Digitalisierung enormes Potenzial bereithält, um aufwändige Dienstreisen zu ersetzen. Manche Workshops eignen sich ebenso gut als Webinar. Außerschulische MINT-Angebote können durch Onlinematerial (auch in Form von Podcasts, Blogbeiträgen etc.) wundervoll ergänzt werden und so das Lernen flexibilisieren. So manches Treffen unter Kolleginnen und Kollegen kann auch über Videokonferenzen erfolgen. Potenzial hat die Digitalisierung auch dadurch, dass gezwungenermaßen verschiedene Programme, Formate und Strategien ausprobiert wurden und werden, was die Hürden zur Etablierung digitaler Hilfsmittel erheblich senken kann.

Zudem bemerken wir in dieser extremen Situation Schwachstellen, die zukünftig effizient kompensiert werden können – so beispielsweise die bessere technische Ausstattung im Bildungsbereich, der Abbau bürokratischer Hürden – nicht nur bei der Nutzungsberechtigung von Kommunikationsplattformen – oder die Flexibilisierung von Arbeit. Wichtig ist, dass wir langfristig daraus lernen die Chancen auch tatsächlich und nicht nur zur Krisenbewältigung nutzen.

Wir können in der aktuellen Lage auch Stärken der Netzwerkarbeit erkennen. So zeigt eine Umfrage der Initiative „MINT-Regionen“, dass die MINT-Netzwerke recht krisenfest sind und über belastbare Strukturen verfügen. Zudem wird berichtet, dass durch die aktive Gemeinschaft in den MINT-Netzwerken der gemeinsame Lernprozess gestärkt und kreativ verläuft und sich flexibel gestalten kann. Diese Stärken sollten wir weiter ausbauen, um zeitverzögerte Folgen der Coronakrise wie personelle und finanzielle Engpässe abzufedern und gemeinsam gestärkt aus der heraufordernden Situation herauszugehen.

Besinnen wir uns auf unsere Stärke des gemeinsamen und flexiblen Lernens: Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Welche Chancen haben sich für euch ergeben? Wie geht es weiter mit der (MINT-)Netzwerkarbeit?

Laura Arndt
Laura Arndt

Laura ist seit Januar 2018 im Team von TRANSFER TOGETHER und arbeitet für das Teilprojekt MINT-Bildung auch mal in einem Eisfach-Labor, wo zwar wärmeempfindliche Chemikalien geschont werden – die Laborantin aber nicht. Zu Lauras Projektseite.

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