FORSCHENDE UND ANDERE SUPERHELDEN

 

Superheld, Forschung, Lehramt, unsplash.com, Esteban Lopez
Laura ist nicht nur im Projekt TRANSFER TOGETHER zu Hause. Sie ist auch Forscherin. Derzeit schreibt sie an ihrer Doktorarbeit an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Dabei wird sie täglich mit hohen Erwartungen konfrontiert. Was passiert, wenn dieses Idealbild mit der Realität zusammenstößt? Ein Bericht aus dem real gelebten Arbeitsalltag einer Forscherin.

Eigentlich komme ich aus dem Lehramtsbereich. Doch eine Promotion hat mich mehr gereizt, als das Referendariat, weil mich die Erfahrungen mit fachdidaktischer Forschung angefixt haben. Eine erste Gemeinsamkeit der Berufe „Lehrerin“ und „Forscherin“ ist mir recht früh aufgefallen: starke Idealbilder.

Der Superheld „Herr Lehrer“

Welches Idealbild nach dem Referendariat auf mich gewartet hätte, beschrieb mein ehemaliger Professor Ewald Terhart in seinem Buch „Didaktik – eine Einführung“:

„Eigentlich ist ein guter Lehrer recht einfach zu beschreiben: Er ist pünktlich und zuverlässig im Dienst, er ist freundlich gegenüber Schülern, Kollegen, Eltern und Vorgesetzten, er ist fleißig, engagiert und belastbar und er hat die Belange seiner Schule, seiner Klasse und einzelner Schüler im Auge. Seine Fachkompetenz in seinen Unterrichtsfächern ist genauso hoch entwickelt wie seine didaktisch-methodischen sowie pädagogisch-erzieherischen Fähigkeiten. Sein Unterricht ist angemessen anspruchsvoll; die Lernfortschritte seiner Schüler sind beachtlich. (…) Er bildet sich in seinen Fächern und hinsichtlich seiner pädagogisch-didaktischen Fähigkeiten fort, übernimmt die Betreuung von Praktikanten oder Referendaren, er kann konstruktiv mit beruflichen Beanspruchungen umgehen und wehrt zugleich zu hohe Belastungen ab …“ (S. 71).

Und er kann Chuck Norris einschüchtern, Trump vom Klimawandel überzeugen und löscht allein die Waldbrände in Brasilien und Australien – gleichzeitig!

Megamind oder: Idealbild einer Forscherin

Innerhalb meiner gut zwei Jahren als Forscherin hat sich für mich ein ähnlich anspruchsvolles Idealbild meiner „neuen“ Berufsgruppe entwickelt. Eine Forscherin zu sein, bedeutet

  • Expertin im eigenen Bereich zu sein. Sie muss alle Publikationen, aktuellen Forschungsprojekte und Kolleginnen und Kollegen – am besten persönlich und aus dem Stehgreif – kennen.
  • interdisziplinär informiert zu sein. Querverbindungen hat sie immer auf dem Schirm – selbst da, wo keine sind.
  • den Transfergedanken immer zu beachten und Transfer zu leisten, egal ob bei Grundlagen- oder Nischenforschung.
  • leidenschaftliche Wissenschaftsjournalistin zu sein, die über diverse Blogs, Social Media und Open-Science-Veranstaltungen nicht nur ihr Thema unterhaltsam und verständlich vermittelt, sondern ständig in den Austausch tritt – mit ihrer Scientific Community sowie der breiten Öffentlichkeit.
  • keinerlei persönliche Interessen und Wünsche zu haben. Finanzierung, Anerkennung und Bekanntheit bedeuten ihr als übernatürliches Wesen nichts. Sie ist natürlich völlig unvoreingenommen, die Objektivität in Person.
  • sich ständig uneigennützig fortzubilden. Sie besucht jede Tagung und bringt sich überall mit Vorträgen ein.

Und überhaupt: Sie ist niemals überfordert, nervös, unausgeruht oder schlecht gelaunt. Ängste kennt sie nicht – weder die Sorge weiterer Finanzierung ihrer Forschung, noch die Befürchtung von anderen abgelehnt zu werden.

Doch nur ein Mensch

Welche Normalsterbliche soll diese ganzen Ansprüche gleichzeitig und immerwährend erfüllen können? Auch mein Tag hat nur 24 Stunden – abzüglich der 8 Stunden Schlaf und einiger weniger Stunden Freizeit (im besten Fall). Zudem ist die Erfüllung dieser Ansprüche gar nicht so trivial.

  • Zu einem ständigen Austausch gehört eben auch ein Gegenüber, das sich austauschen möchte. Wie erreiche ich diese Personen und wie kommuniziere ich mit ihnen?
  • Wissenschaftskommunikation und Transfer sind natürlich immer erwünscht – aber bitte nicht in der Arbeitszeit! (siehe Sprecht über Wissenschaft)
  • Tagungen, häufig nicht freizugängliche Literatur, Dienstreisen und andere Materialien kosten Geld. Es gibt zwar Wege zur finanziellen Unterstützung, aber diese sind häufig mit einem erheblichen, bürokratischen Mehraufwand verbunden.

Versteht mich nicht falsch – ich will mich gar nicht beschweren. Ich habe sogar großes Glück, weil ich eine Forschungsstelle besetzen durfte und für diese Tätigkeiten BEZAHLT werde. Das Glück haben nicht alle. Zudem sind mein Doktorvater und mein direktes Forschungsumfeld unheimlich aufgeschlossen und lassen mir häufig freie Hand. Aber auch hier haben nicht alle das Glück.

Alles in Butter also. Warum schreibe ich nun diesen Beitrag? Wie viele andere Forschende, versuche auch ich dem Idealbild einer Forscherin gerecht zu werden. Ein Bewusstsein darüber, dass das Idealbild eine gute Orientierung des bestmöglichen Zustandes ist, nicht aber eine Berufsbeschreibung, die es zu erfüllen gilt, hat mein Arbeitsleben doch glücklicherweise ziemlich entschleunigt.

Dieses Bewusstsein benötigen nicht nur Forschende. Auch die breite Öffentlichkeit sollte klar zwischen dem Idealbild und dem echten Menschen hinter der Forschung unterscheiden können. Die „Kluft“ sollte nicht als Diskrepanz, sondern als Konsequenz eines menschlichen Betätigungsfeldes gesehen werden.

Das hilft nicht nur der Forschungsgemeinde, Ansprüche auf ein erfüllbares Maß zu reduzieren, sondern auch der Öffentlichkeit. Es sind Menschen, die Erkenntnisse durch Forschung generieren. Menschen mit Interessenskonflikten, persönlichen Interessen und Wünschen. Sie sind keine Maschinen. Sie können voreingenommen sein. Sie können selektiv wahrnehmen. Sie können emotionale Zustände haben. Eine skeptische Grundhaltung ist gut – Empathie aber auch.

Laura Arndt
Laura Arndt

Laura ist seit Januar 2018 im Team von TRANSFER TOGETHER und arbeitet für das Teilprojekt MINT-Bildung auch mal in einem Eisfach-Labor, wo zwar wärmeempfindliche Chemikalien geschont werden – die Laborantin aber nicht. Zu Lauras Projektseite.

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