GOETHE, MARIANNE UND DER GINKGO

 

Heidelberg, Heidelberger Schloss, unsplash.com, Steven He
Kurz vor den Sommerferien gestalteten Kinder aus der Heidelberger Innenstadt mit dem Projekt „Lieder aus der Fremde“ einen besonderen Vormittag auf dem Heidelberger Schloss. Im Mittelpunkt standen der Ginkgo des Schlossparks und eine ganz besondere Liebesgeschichte, die rund um den Baum stattfand.

Am frühen Morgen ging die Wanderung los, von der Innenstadt hoch zum Heidelberger Schloss. Selbstverständlich war jedes der Kinder schon etliche Male auf dem Schloss gewesen, doch die Vorarbeit in den vorangegangenen Wochen hatte dafür gesorgt, dass es bei diesem Mal wieder etwas Besonderes zu entdecken gab. Die Liebesgeschichte zwischen Marianne von Willemer und Johann Wolfgang von Goethe war in vielerlei Hinsicht besonders: der viel ältere, bereits etwas greise Goethe verliebte sich in die blutjunge und künstlerisch vielfältig begabte Bankiersgattin – doch unternahm er im wirklichen Leben kaum ernsthafte Versuche sich ihr anzunähern. Alles spielte sich in Briefen, Gedichten und versteckten literarischen Botschaften ab.

Für Goethes West-östlichen Divan, der für das Projekt „Lieder aus der Fremde“ eine zentrale Rolle spielt, ist die Beziehung zwischen Goethe und Marianne besonders wichtig, denn manche der Gedichte aus Goethes einziger als zusammenhängender Gedichtband konzipierter Sammlung, wurden von Marianne verfasst – und zunächst von Goethe ohne ihr Einverständnis und ohne einen Hinweis auf ihre Autorschaft veröffentlicht. In Zeiten der Datenschutzgrundverordnung und des Streits um Artikel 13 der EU-Verfassung zum Urheberrecht, wäre diese Tatsache Zündstoff für eine hitzige Diskussion. Nichtsdestotrotz faszinieren die Gedichte, die Marianne und Goethe als Suleika und Hatem einander in tiefer Zuneigung und Bewunderung schrieben.  Auf dem Heidelberger Schloss trafen sich die beiden 1815. Marianne reiste Goethe – völlig Liebestrunken vom innigen Austausch von Gedichten und Briefen – aus Frankfurt hinterher, wo Goethe den Sommer auf einer Gerbermühle verbracht hatte.

Ein Zeichen von Frieden und Versöhnung

In ihren Aufzeichnungen erzählt Marianne, das Treffen habe unter dem Ginkgo-Baum im Heidelberger Schlossgarten stattgefunden. Goethe schenkte Marianne 1815 in Frankfurt ein Ginkgo-Blatt als Zeichen seiner Zuneigung und auch sein Gedicht Ginkgo Biloba ist Marianne gewidmet. Der Ginkgo, der im West-östlichen Divan ein Sinnbild für die Vereinigung zweier Menschen ist und dessen Herkunft aus den östlichen Regionen der Erde schon immer als Zeichen von Frieden und Versöhnung zwischen den Kulturen stand, ist auch heute unter den Bäumen des Heidelberger Schlossgartens zu finden: Im hinteren Teil, gleich bei Goethes Büste, steht er auf einer großen Wiese. Goethe beschreibt in seinem Gedicht, wie zwei unabhängige Wesen miteinander verschmelzen, aber trotzdem nie klar wird, ob das, was aus der Begegnung entsteht Eins oder Zwei ist. In der Form der Ginkgo-Blätter ist beides zu erkennen: zwei Teile, die sich zu einer Form zusammenschließen, ohne vollständig ineinander aufzugehen.

Gingo Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Dieses Gedicht wurde als Grundlage für eine Komposition, die die Kinder selbstständig erstellten, hergenommen. Der Komposition voraus ging eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gedicht, vor allem mit der Frage des Eins- oder Zwei-Seins. Die Kinder überlegten, in welcher Hinsicht auch sie Eigenschaften in sich tragen, die sie zu Wesen machen, die mehr als nur Eines sind. Viele konnten diese Frage auf ihre Herkunft aus einer anderen Kultur übertragen und feststellen, dass ein Zwei-Sein sehr bereichernd sein kann und gleichzeitig Schwierigkeiten birgt. Als weiterer musikalischer Baustein wurden in den vorangegangenen Wochen ungerade Taktarten (5/8, 7/8 und 9/8), wie sie in den östlichen Teilen der Welt häufig verwendet werden, besprochen.

Das Sommerwetter erlaubte eine Aufführung der Komposition um den Ginkgo des Schlossgartens herum. Und auch Goethe selbst erschien um Fragen zu beantworten und um die musikalischen Gedanken, die die Kinder zu seinen Gedichten und seiner Heidelberger Geschichte hatten, mitzuverfolgen. Goethe und sein Ginkgo-Gedicht waren an diesem Morgen wirklich zeitlos geworden.

Goethe, hier verkörpert durch Mathias Schillmöller.

Kathrin Schweizer, Team, Transfer Together
Kathrin Schweizer

Mit Musik Toleranz lernen: Kathrin zeigt Kindern und Jugendlichen Musik aus anderen Kulturen und macht deren Vielfalt durch außerordentliche Konzertorte erlebbar. Zu Kathrins Projektseite.

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