KHALIL & MAY

 

Vor rund hundert Jahren tauschten zwei libanesische Literaten Briefe und Gedichte über Kontinente hinweg aus – und lieferten damit eine inspirierende Vorlage für zahllose Künstler*innen der Gegenwart. Das interkulturelle Teilprojekt „Lieder aus der Fremde“ hat das gemeinsam mit zwei Vereinen aufgegriffen und einem Potpourri aus Kunst und Kulturen in der Pädagogischen Hochschule Heidelberg eine Bühne geboten. Kathrin berichtet.

Im vergangenen Dezember veranstaltete das TRANSFER TOGETHER-Teilprojekt „Lieder aus der Fremde“ gemeinsam mit den Freunden Arabischer Kunst und Kultur e. V., sowie dem Kulturtandem e. V. einen ganz besonderen Konzertabend. Im Mittelpunkt standen zwei Literaten: Khalil Gibran (1883-1931) und May Ziadeh (1886-1941). Ausschnitte aus deren Werk und einem Briefwechsel, den die beiden im Libanon geborenen Schriftsteller über Jahrzehnte und Kontinente hinweg geführt hatten, wurden zur Inspiration für die Künstler der Veranstaltung und deren diverse Ausdrucksformen.

Marie Séférian und ihr Quartett (Javier Reyes – Drums, Tim Kleinsorge – Bass und Niko Meinhold – Piano) haben aus Gedichten von Khalil und May Musik gemacht. Die Songs, die die Musiker dem Publikum präsentierten, faszinieren mit einer eindrücklichen Sensibilität für die vertonten Verse. Ein klanglich-experimentelles Spektrum sorgt für zusätzliche Ausdruckskraft im Spiel der vier unglaublich gut aufeinander reagierenden Musiker. So spielt etwa der Atem als hörbarer Klang eine wesentliche Rolle in Marie Séférians Gesang und Niko Meinhold integriert wie selbstverständlich alle Bauteile des Flügels in sein Spiel.

Aida Wakileh rezitierte Ausschnitte aus dem Briefwechsel, den May Ziadeh und Khalil Gibran – ohne sich jemals persönlich begegnet zu sein – über 19 Jahre führten. Die Briefe zeugen von einer tiefen spirituellen Liebe, die sich im Austausch von Worten manifestierte. Auch einzelne Gedichte waren zu hören. Das Besondere: Aida Wakileh übersetzte die Gedichte, die sowohl Khalil als auch May auf Französisch – der Intellektuellen-Sprache des Libanon – schrieben ins Arabische, der eigentlichen Muttersprache der Libanesen. Der Klang des Arabischen verlieh den Versen neue Farben und eine neue poetische Tiefe, was nicht zuletzt an der fein modulierenden Stimme von Aida Wakileh lag.

Mehrdad Zaeri fertigte während des gesamten Abends live Illustrationen an, die hinter die Bühne projiziert wurden und so das Geschehen in sich ständig wandelnde Farben und Formen tauchten. Der Künstler konnte unglaublich schnell und präzise auf das Geschehen auf der Bühne reagieren und griff Themen, Stimmungen und Motive aus Musik und Rezitation für seine Zeichnungen auf. Im Laufe des Abends entstand eine enge Verbindung zwischen Mehrdad Zaeri und den Künstlern auf der Bühne, sodass er zuletzt sogar deren Bewegungen mit in seine Zeichnungen integrierte.

Die Symbiose, die aus den verschiedenen kulturellen Einflüssen – sowohl die des Reisenden Khalil und seiner Gesprächspartnerin May, als auch die der Künstler, die ihre Geschichte zum Anlass ihrer Werke nahmen – war in ihrer Komplexität und Vielfalt Auslöser für etwas Magisches. In der voll besetzten Aula trafen nach dem Konzert verzauberte Zuschauer*innen aufeinander und konnten sich bei Chai, Wein und orientalischem Gebäck austauschen und den Eindrücken des Erlebten nachhängen.

Der Abend unter dem Titel Khalil + May konnte einmal mehr zeigen, wie aus dem Kontakt des Vielfältigen und Unterschiedlichen etwas Besonderes entstehen kann.

Kathrin Schweizer, Team, Transfer Together
Kathrin Schweizer

Mit Musik Toleranz lernen: Kathrin zeigt Kindern und Jugendlichen Musik aus anderen Kulturen und macht deren Vielfalt durch außerordentliche Konzertorte erlebbar. Zu Kathrins Projektseite.

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