MEDIENSUCHT IM LOCKDOWN

 

Gaming Internetsucht Mediensucht unsplash.com, Kelly Sikkema
Schulschließungen, Kontaktverbote und eingeschränkte Freizeitaktivitäten. Um der Ausbreitung von COVID-19 entgegenzuwirken, ist der Alltag vieler Menschen von außergewöhnlichen Maßnahmen geprägt. Das trifft insbesondere Kinder und Jugendliche ausgesprochen hart. Ihre Möglichkeiten in der realen Welt sind deutlich reduziert. In vielen Angelegenheiten sind sie auf das Internet angewiesen, sodass die Nutzung von Medien in der digitalisierten Welt in diesen Zeiten unentbehrlich wird. Janika beschäftigt sich mit der steigenden Gefahr für eine riskante bzw. pathologische Nutzung von digitalen Medien.

Bereits vor der Corona-Krise waren die Fälle von Mediensucht alarmierend hoch. In der Metropolregion Rhein-Neckar galten beispielsweise 6,1% der Kinder und Jugendlichen als betroffen, wie in einer Studie von Lindenberg et al. (2018) mit über 5.000 Jugendlichen aus 41 Schulen hervorging. Man ist sich einig, dass Computerspielsucht bzw. deren Prävention ein wichtiges Gesundheitsthema bei Kindern und Jugendlichen darstellt. Nun wird befürchtet, dass sich die Situation durch die Pandemie zusätzlich verschärft und die Häufigkeiten von riskanter bzw. krankhafter Nutzung von digitalen Spielen und sozialen Medien weiter ansteigen.

Wie sehen die Zahlen in Corona-Zeiten aus?

Eine erste Längsschnittstudie hierzu, über die gerade vielerorts diskutiert wird, wurde mithilfe von Suchtexpert*innen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf von der Krankenkasse DAK-Gesundheit durchgeführt. Insgesamt wurden rund 1200 Familien mit Kindern im Alter von zehn bis 17 Jahren sowohl im September 2019 sowie zu Zeiten des Corona-Lockdowns im April 2020 befragt. Das Timing dieser Datenerhebung, welche ursprünglich gar nicht speziell aufgrund von Corona geplant war, stellte sich schließlich als äußerst günstig dar. Verglichen wurden unter anderem die Nutzungszeiten, die Regeln zur Mediennutzung in den Familien sowie die Motive zur Nutzung zu den beiden Zeitpunkten. Um weitere Aussagen zum Einfluss der Maßnahmen aufgrund der Pandemie treffen zu können, soll eine erneute Befragung nach Ablauf eines weiteren Jahres stattfinden.

Wenn man die ersten Ergebnisse von September 2019 auf die Bevölkerung hochrechnet, muss man davon ausgehen, dass bei fast 700.000 Kindern und Jugendlichen eine riskante oder pathologische Computerspielnutzung vorliegt. Es zeigte sich außerdem, dass die Nutzung von digitalen Spielen wie auch von sozialen Medien unter dem Corona-Lockdown sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei ihren Eltern tatsächlich deutlich anstieg. Woran genau wird dieser Anstieg ersichtlich? Die durchschnittliche Spieldauer von 10- bis 17-Jährigen stieg beispielsweise unter der Woche um 75% an. So wurde an einem Werktag im September 2019 noch durchschnittlich knapp 80 Minuten und während des Höhepunktes der ersten Corona-Welle im April knapp 140 Minuten gespielt. Auch die Social-Media-Zeiten stiegen in Lockdown-Zeiten um 66% auf durchschnittliche 193 Minuten pro Tag an.

Dabei gab die große Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen an, dass sie digitale Spiele sowie soziale Medien hauptsächlich nutzten, um Langeweile zu bekämpfen oder soziale Kontakte aufrecht zu erhalten. Weitere Gründe, die von rund einem Drittel der Kinder und Jugendlichen genannt wurden, waren das „Entfliehen aus der Realität“ sowie der Abbau von Stress.

Was können Eltern tun?

Ein weiterer, alarmierender Befund: In jeder zweiten der befragten Familien gab es sowohl vor als auch unter Corona keine zeitlichen Regeln für die Mediennutzung. Scheinbar wurde in Zeiten der Pandemie nicht für einen strengeren Umgang mit Smartphones, Computer und Co. gesorgt. Expert*innen sehen hier dringenden Handlungsbedarf: Viele Eltern sind sich unsicher, welche Mediennutzungszeiten unter diesen besonderen Umständen angemessen sind. Sie benötigen Unterstützung im Hinblick auf klare Regeln für einen altersgerechten, „gesunden Medienkonsum“ – gerade in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Homeoffice, in denen insbesondere Berufstätige Probleme haben, ihre Kinder angemessen zu beschäftigen.

Bei meiner Recherche stieß ich auf die Online-Plattform klick-safe.de, auf der verschiedene Informationen zum kritischen und kompetenten Umgang mit dem Internet gesammelt bzw. Empfehlungen zur Mediennutzung bereitgestellt werden – mit einem Fokus auf die aktuelle Situation. Hier wird noch einmal die Wichtigkeit der Vereinbarung von klaren Regeln hervorgehoben, wie es zum Beispiel mithilfe eines „Mediennutzungsvertrages“ gelingen kann. Ein sicherer und altersgerechter Medienzugang stellt eine weitere wichtige Voraussetzung dar, ebenso wie das Achten auf genügend bildschirmfreie Zeiten und Bewegungspausen.

Ein meiner Meinung nach nicht zu vernachlässigender Punkt ist jedoch, dass Kinder und Jugendliche laut der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ein Recht auf Spiel und Freizeit, auf die Teilhabe am kulturellen und künstlerischen Leben und auf den Zugang zu den Medien haben. Somit sollte zu Lockdown-Zeiten, in denen die Wahrung dieser Rechte in der „realen Welt“ erschwert ist, sogar vermehrt darauf geachtet werden, dass dies zumindest mithilfe eines Zugangs zu digitalen Medien ausreichend gewährleistet werden kann.

Die große Herausforderung besteht also, wie auch in so vielen anderen Bereichen, darin, die richtige Balance zu finden.

Hilfe gesucht!

Für Eltern und betroffene Kinder und Jugendliche aus der Region steht unsere Fallmanagerin des Teilprojekts Internetsuchtprävention gerne beratend zur Seite, um weitere Möglichkeiten und Angebote zum Thema übermäßige Mediennutzung aufzuzeigen. Weitere (Kontakt-)Informationen dazu gibt es unter www.protect-mediensucht.de.

Janika Eschrig, Team, Transfer Together
Janika Eschrig

Janika widmet sich der Aufklärung und Prävention zum Thema Internet- und Computerspielsucht und organisiert Workshops und Angebote für Jugendliche, Eltern und pädagogische Fachkräfte in der Region. Zu Janikas Projektseite.

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