AUSSERSCHULISCHES MINT-CURRICULUM

 

Wer in die Meilensteine von Lauras Teilprojekt „MINT Bildung“ blickt, stößt auf die „Entwicklung eines außerschulischen MINT-Curriculums“. Wem das etwas nutzt und was das eigentlich ist, erfahrt ihr hier.

Bildung – nicht nur die mathematisch-informatisch-naturwissenschaftlich-technische Bildung (kurz MINT-Bildung) – wird zunehmend als gesamtgesellschaftlicher Auftrag gesehen. Es entstehen immer mehr außerschulische MINT-Lernangebote. Trotzdem steht in den MINT-Netzwerken jedes Angebot mehr oder weniger für sich.

Das Potenzial dieser Angebote wird nicht ausgenutzt: Außerschulische Bildung erfolgt letztendlich nicht kumulativ, sondern additiv – punktuelle Nutzungen der MINT-Lernangebote in Schule und Freizeit sind die Regel. Die Entwicklung außerschulischer Bildungsgänge durch inhaltliche Verschränkung einzelner Angebote könnte die kumulative, also stetige, aufbauende und differenzierende, Nutzung erleichtern.

Curricula als Werkzeuge

Inhaltlich verschränkter, vergleichbarer, qualitätsgesicherter Unterricht – wie machen das die Schulen eigentlich? Die Nutzung von Curricula ist eine Antwort. Ein Curriculum stellt einen einheitlichen und verbindlichen Rahmen dar, in dem gemeinsame Bildungsziele verfolgt werden. Ein Bildungsplan steht hierfür exemplarisch. Über die Entwicklung von Curricula wird sichergestellt, dass Schulen innerhalb ihrer Bundesländer einheitliche Rahmenvorgaben haben, die einem großen Bildungsziel verhaftet sind: Mündige und kundige Bürgerinnen und Bürger auszubilden. Die Handlungsdimension ist also von besonderem Interesse, weshalb der Fokus schulischer Bildung auf Kompetenzförderung liegt.

Diese verpflichtenden Rahmenvorgaben sind das Produkt einer gemeinschaftlichen Entwicklung verschiedener Expertinnen und Experten. Für außerschulische MINT-Bildungsangebote gibt es solch ein Curriculum noch nicht.

Es gibt dafür vielerlei Gründe: Ein Curriculum zu entwickeln, wäre für diesen Bereich eine bottom-up-Bestrebung einzelner Akteurinnen und Akteure, da es keine übergeordnete Instanz gibt, die die notwendigen Schritte in die Wege leitet. Zudem stellt ein integriertes MINT-Curriculum, also eine echte Vernetzung und Verschränkung aller Angebote der MINT-Domänen, eine größere Herausforderung dar, als eine einfache Sammlung der Angebote und ihrer Inhalte. Hierzu braucht es unter anderem fachdidaktisches, pädagogisch-psychologisches und fachliches Know-How, welches bei den engagierten und auf Eigeninitiative beruhenden Angeboten nicht ausreichend zur Verfügung steht – wie auch?

Top-down-Entwicklung

Nach meinen ersten Erfahrungen mit einer gemeinschaftlichen Entwicklung eines MINT-Curriculums zeigt sich: Das bottom-up-Prinzip ist wenig fruchtbar, da Hürden zu groß waren. Die Vorlage eines ersten konkreten Entwurfes, der durch einige wenige Expertinnen und Experten entwickelt wurde, scheint besser geeignet zu sein. Dementsprechend habe ich begonnen, zunächst in Eigenregie Vorgaben für ein außerschulisches MINT-Curriculum zu gestalten. Ausgangspunkt waren Informationen und Rahmenvorgaben, die Bildungspläne, PISA-Bestimmungen und wissenschaftliche Veröffentlichungen liefern. So kam ich zu meinem ersten Entwurf:

1. Festlegung auf eine übergeordnete Zielsetzung und ein gemeinsames Konzept

Wenn wir die schulische Bildung außerschulisch ergänzen wollen, müssen wir uns auch an ihren Zielsetzungen orientieren. Der Fokus kann je nach Angebot unterschiedlich sein und von Demokratisierung bis Berufsorientierung reichen. Gleiches gilt für ein Grundkonzept der Vermittlung und Bildung: Die Kompetenzorientierung ist Dreh- und Angelpunkt moderner schulischer und auch außerschulischer Bildung.

2. Differenzierung des Konzeptes

Wie ist ein schulisches Curriculum aufgebaut und welche Elemente sind dafür grundlegend? Bildungspläne und Bildungsstandards liefern konkret solche Elemente bzw. Ordnungseinheiten, anhand derer ein Angebot definiert werden kann. Die Vielfalt dieser Elemente erfasst verschiedene Charakteristika der Angebote und stellt zugleich ein Ordnungssystem – ein Raster für das MINT-Curriculum – dar.

3. Sammlung von Ordnungseinheiten

Ich konnte insgesamt sechs Elemente finden, die eine sinnvolle Charakterisierung eines Angebots ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise „Kompetenzbereiche“, die einen zu erwartenden Lernzuwachs nach einem Schuljahr auf Kompetenzebene beschreiben. Die Kompetenzbereiche sind fachspezifisch in Bildungsplänen definiert und in Teilkompetenzen untergliedert. So geht es beim Kompetenzbereich „Kommunikation“ um die Beschaffung, Nutzung und Weitergabe von Informationen. Diese Kompetenzen sind fächerübergreifend nutzbar und zutreffend, weshalb ich für jede Ordnungseinheit differenziert nach Schulfach eine Sammlung dieser Vorgaben angelegt habe.

4. Bündelung von fachspezifischen Vorgaben

Schulen arbeiten mit einem Fächerkanon. Daher ist die Sammlung der Vorgaben zunächst höchst fachspezifisch. Hier könnte die Entwicklung bereits abgeschlossen werden, ginge es um ein additives MINT-Curriculum, also um die fachspezifische Differenzierung der außerschulischen MINT-Angebote. So würde jedoch weiterhin jedes Angebot für sich stehen, wenn auch in anderer Form der Beschreibung. Das Ausgangsziel besteht jedoch in der Förderung von vernetztem Denken und kumulativem Lernen. Folglich habe ich nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden in den fachspezifischen Vorgaben der Elemente gesucht. Vorgaben mit vielen Gemeinsamkeiten wurden zusammengefasst und gebündelt und eine neue Benennung gesucht, die alle fachspezifischen Eigenheiten zugunsten fächerübergreifender Charakteristika abstrahieren. Im Umkehrschluss müssen Unterschiede identifiziert und beachtet werden. Auf diese Weise konnten durch Bündelung und Ergänzung fächerübergreifende Rahmenvorgaben für die verschiedenen Ordnungseinheiten entwickelt werden.

5. Visualisierung des Rasters

Letztendlich konnten über diesen mehrmaligen Prozess Ordnungseinheiten, fachübergreifende Vorgaben und fachspezifische Unterscheidungen identifiziert werden. Zur Anwendung dieser Ordnungseinheiten zur Definition und Darstellung eines Angebotes habe ich ein Raster (siehe Abbildung) entwickelt.

Die Zeilen bilden die verschiedenen Fächer ab, die im MINT-Bereich verankert sind. Die Spalten stellen die Elemente zur Beschreibung eines Angebotes dar. Möchte ich ein technisch geprägtes Angebot entsprechend des Rasters definieren, beginne ich in der Zeile für „Technik“ und prüfe passende Zuordnungen in den folgenden Spalten. Konkret muss ich dabei überlegen, in welchem Kontext mein Angebot verortet sein kann, welche Kompetenzbereiche damit gefördert werden oder welchem Themenfeld das Angebot zuzuordnen ist. So können je Oberkategorie verschiedene Vorschläge geprüft und ausgewählt werden.

Dies funktioniert für fünf von sechs Ordnungseinheiten. Da die Angebote jedoch Fachspezifika aufweisen, die sie individualisieren, muss es ebenfalls Raum für solche Informationen geben. Die fachlichen Grundbausteine, die Voraussetzung sind oder über das Angebot erlangt werden, werden bei der Ordnungseinheit „Curriculare Bausteine (CB)“ definiert und dargestellt. Zur Übersetzung eines fachspezifischen Angebotes in seine Curricularen Bausteine sowie zur konkreten Anwendung des Rasters soll es eine Broschüre und einen Workshop geben.

Das ist nur ein erster Entwurf. Die fertige Version wird später auch in diesem Artikel veröffentlicht.

6. Prüfung und Optimierung

Ich bin keine Expertin für jeden fachspezifischen Bereich, den das Raster und somit das MINT-Curriculum erfassen soll. Ich habe die Bündelung der Vorgaben entsprechend wissenschaftlicher Kriterien durchgeführt (qualitative Inhaltsanalyse). Trotzdem könnten fachspezifische Charakteristika oder Zusammenhänge bisher nicht beachtet worden sein. Aus diesem Grund wird eine kleine Expertenkommission von Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktikern den Prozess nachvollziehen und das Produkt kritisch prüfen, bevor das Raster zur Erstellung eines MINT-Curriculums im Netzwerk ausprobiert und optimiert wird. Auf diese Weise soll ein top-down-Produkt allen Bedürfnissen gerecht werden und fundiert sein.

Momentan prüft die Expertenkommission das Raster und seine Entwicklung. In der nächsten Netzwerkveranstaltung soll die Anwendung und Optimierung im inhaltlichen Mittelpunkt stehen. Grundsätzlich würde mich jedoch schon jetzt interessieren, wie dieses Rohprodukt und seine Gestaltung von euch – unseren Netzwerkpartnerinnen und -partnern – aufgenommen werden. Wie findet ihr die Idee, die Umsetzung und den Nutzen?

Laura Arndt
Laura Arndt

Laura ist seit Januar 2018 im Team von TRANSFER TOGETHER und arbeitet für das Teilprojekt MINT-Bildung auch mal in einem Eisfach-Labor, wo zwar wärmeempfindliche Chemikalien geschont werden – die Laborantin aber nicht. Zu Lauras Projektseite.

Verwandte Beiträge

Comments (4)

Liebe Frau Arndt,
ich finde es richtig, dass wir die Schulen nicht allein lassen. Schule allein schafft die großen Veränderungen unserer Zeit nicht. Deshalb ist es richtig, dass es ein außerschulisches MINT-Curriculum gibt. Dazu gehört die Einbindung externer Fachleute in den MINT-Unterricht sowie die Kooperation mit außerschulischen Partnern für die Arbeit der Schülerinnen und Schüler an realen Problemen außerhalb des Schulgebäudes.

In den außerschulischen MINT-Wettbewerben, Schülerforschungszentren und Schülerlaboren werden Wege des forschenden Lernens erprobt. Diese Erfahrungen müssen auch den Weg in die Schule finden. Das ist leider noch viel zu wenig der Fall und muss viel stärker gefördert und gefordert werden.

Liebe Frau Wolf,
ich freue mich sehr über Ihre Rückmeldung. Ich finde es sehr wichtig, dass auch die konkreten Akteurinnen und Akteure der MINT-Netzwerke den Bedarf einer engeren Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Institutionen sehen.
Die außerschulischen MINT-Lernangebote haben in meinen Augen ein großes Potenzial nicht nur dem Fachkräftemangel zu begegnen, sondern auch das gesellschaftliche MINT-Interesse zu stärken. Und ich bin davon überzeugt, dass die Angebote für sich selbst sprechen, wenn potenzielle Interessierte einen transparenten und systematischen Blick darauf werfen könnten. Eine themen- und kompetenzorientierte Übersicht und Verschränkung soll aufzeigen, was ein Angebot leistet, welche Potenziale es hat und wo es anschlussfähig ist. Ich erhoffe mir, dass eine durch die Schule bekannte Darstellung und Leseart die breitere Nutzung der außerschulischen MINT-Lernangebote fördert – sowohl durch Lehrkräfte als auch durch Eltern.

Ich bin zwar keine Netzwerkpartnerin, aber finde die Idee sehr gut und interessant. Klingt so, als hast Du bereits sehr viel Arbeit in dieses Projekt gesteckt und es immer wieder kritisch hinterfragt, um es alltagstauglich zu machen. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg! In welchem Rahmen, also in welchen Institutionen könnte die außerschulische Bildung denn stattfinden? Wann (im Tagesverlauf) würden die Kinder- und Jugendlichen dieses Angebot wahrnehmen? Am Wochenende, abends als Hobby oder vielleicht bereits in der Mittagsbetreuung? Ich weiß nicht, ob Du dieses Angebot bereits für Grundschüler vorgesehen hast, aber die Formulierungen aus den Kompetenzbereichen erinnern mich sehr an die des Sachunterrichts, in dem ja alle MINT-Fächer in der Grundschule zusammenlaufen.
Ich persönlich sehe in der Mittagsbetreuung, die zwar schulisch aber dann doch außerunterrichtlich stattfindet, großes Potenzial, da viele Kinder dort meist den kompletten Nachmittag verbringen und die Lern-und Spielangebote für die Kinder an der ein oder anderen Schule sicher ausbaufähig sind. Möglicherweise kann man für diesen Betreuungszeitraum eine Kooperation mit der Schule herstellen? Das nur so als Idee. Und ein solcher Workshop wie Du ihn angesprochen hast ist sicher für viele Pädagogen Inspiration – auch in Form von Fortbildungen für reguläre (Sachunterrichts-)Lehrer!
Alles Gute 🙂

Liebe Charlotte,
vielen lieben Dank für das positive Feedback und deine Anregungen!
Das außerschulische MINT-Curriculum soll auch Angebote der frühen Bildung einbeziehen. MINT-Netzwerke zielen häufig darauf ab, die gesamte MINT-Bildungskette abzudecken. Wir haben in unserem Netzwerk Anbieter*innen, die sich auf Angebote für die Grundschule oder Kitas spezialisiert haben. Daher soll ein Raster, aus dem mit allen Partner*innen ein konkretes MINT-Curriculum des MINT-Netzwerkes entwickelt wird, selbstverständlich auch eine sinnvolle Verortung für die frühe Bildung ermöglichen.
Dieses Raster soll auf alle möglichen MINT-Netzwerke angewendet werden können. Du kannst es dir vorstellen als eine vorgefertigte Schablone, die du durch die konkreten Angebote mit Leben füllst. Jedes außerschulische MINT-Lernangebot (ein Programmierkurs, ein Forschungsprojekt etc.) soll auf diese Weise möglichst schulkongruent beschrieben und verortet werden können.
Daher macht das Raster auch keine Vorgaben zum Zeitraum und welche Institutionen eingebunden werden – das ergibt sich jeweils aus dem MINT-Netzwerk und den zugehörigen MINT-Lernangeboten. Aus dem Netzwerk heraus ergibt sich dann ein spezifisches MINT-Curriculum. Der Vorteil besteht dann jedoch darin, dass Interessierte anhand des Curriculums genau sehen können, welche verschiedenen Angebote es beispielsweise für den Sachunterricht gibt. Gleichzeitig nimmt ein Netzwerk Angebotslücken wiederum viel klarer wahr und kann die Angebotspalette zielorientiert weiterentwickeln.
Innerhalb der Workshops, die noch in aller erster Entwicklung sind, sollen dann Akteurinnen und Akteure eines MINT-Netzwerkes das entwickelte Raster auf ihre Angebote anwenden und somit gemeinsam ihr spezifisches MINT-Curriculum entwickeln.
Wir hoffen, dass wir durch dieses Vorgehen nicht nur ein außerschulisches MINT-Curriculum für unser MINT-Netzwerk „Metropolregion Rhein-Neckar“ etablieren können, sondern für MINT-Netzwerke allgemein ein anwendbares und funktionierendes Konzept bereitstellen zu können.

Kommentar zu Charlotte Antworten abbrechen