OFFENE HOCHSCHULE

 

Demonstration, Wissenschaft, Protest, unsplash.com, Vlad Tchompalov
Wie öffentlich ist eigentlich Forschung? Wird an Hochschulen genug gestritten? Wie forscht es sich inmitten politischer Debatten? Immer mehr wünschen sich eine aktivere Rolle der Wissenschaft in der Öffentlichkeit. Eine Antwort auf den ZEIT-Artikel „Zeigt euch!“.

Egal, ob das Aufheulen um die Meinungsfreiheit im Hörsaal, der Streit um die Bayreuther Erklärung oder die demonstrierenden Scientists for Future – allein die Diskussionen der letzten Wochen zeigen: Hochschulen sind ein Austragungsort des gesellschaftlichen Streits. Sehr schön! In der ZEIT 48/2019 stellten Manuel J. Hartung und Katharina Menne „große Fragen“, deren Antworten über das zukünftige Verhältnis von Gesellschaft und Wissenschaft entscheiden sollen: Wie politisch sind Wissenschaftler*innen? Wie streitbar Universitäten? Und wie öffentlich ist Forschung?

Seit rund zwei Jahren arbeite ich in einem Transferprojekt an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und mir kreisen diese Fragen ständig durch den Kopf. Den Artikel von Hartung und Menne nehme ich zum Anlass, meine Gedanken endlich einmal niederzuschreiben.

Wie streitbar sind Hochschulen?

Ich hatte nie das Gefühl, dass die Streitbarkeit von Hochschulen in Frage steht: Hitzige Podiumsdiskussionen über Medienbildung oder prallgefüllte Vorlesungen zum Umgang mit dem Klimawandel bergen reichlich Streitpotenzial. Hochschulen stellen dafür ja auch einen optimalen Rahmen.

Auf einem anderen Blatt steht die Streitbarkeit der Hochschulen im öffentlichen Diskurs. Kritisiere ich etwa die politische Arbeit eines Forschungsministeriums genauso scharf, wenn meine (befristete) Stelle von dort finanziert wird? Wer tritt in solch einer Diskussion auf – ich als einzelner Angestellter oder die ganze Hochschule? Die Proteste in Baden-Württemberg um den Hochschulfinanzierungsvertrag haben etwa die Landesrektorenkonferenz dazu bewogen, eine politische Kampagne unter dem Titel #NoScienceNoFuture ins Leben zu rufen.

Wie streitbar die Mitglieder einer Hochschule sind, ist meines Erachtens sehr individuell. Mir wird das besonders deutlich, wenn ich Forschende berate, wie sie soziale Medien für Wissenschaftskommunikation nutzen können. Einige fragen direkt: Soll ich mich überhaupt einmischen? Fällt mir das eines Tages nicht auf die Füße? Mache ich das in meiner Arbeitszeit? Andere suchen hingegen die hitzige Diskussion und sehen es als ihre Pflicht als Wissenschaftler*in, sich einzumischen.

Damit betreten sie aber zugleich ein Spannungsfeld, das die zweite Frage aus dem Artikel betrifft: Wie politisch dürfen Wissenschaftler*innen sein?

Forschung kann politische Diskurse unterstützen

Wenn eine Historikerin zur Geschichte preußischer Hemdknöpfe im 18. Jahrhundert forscht, wird sie kaum Wellen damit schlagen, wenn sie in ihrem Paper auch ihren Lieblingsknopf benennt. Andere Forschungsbereiche hingegen müssen sich mit dem Spannungsfeld ihrer eigenen Meinung und dem Einfluss ihrer Forschung auf eine politische Debatte aktiv auseinandersetzen. So etwa Monika Gonser, die im Teilprojekt „Flucht, Migration und Arbeit in der Metropolregion“ arbeitet. Was denkt sie als Sozialwissenschaftlerin darüber?

Es geht es nicht darum, dass in der gesellschaftlichen Debatte nicht Forschungsergebnisse als Argumente aufgegriffen werden sollen. Die Frage ist vielmehr, welche Forschungsfragen gestellt werden und wie. Wenn ich beispielsweise die Gelingensbedingungen von Integration untersuchen möchte, muss ich mich zunächst einmal der Frage annähern, was ‚gelungene Integration‘ in meinem Forschungskontext heißt. Darauf kann ich als Forschende eine sehr klare Antwort haben, diese muss ich jedoch – als wissenschaftlichen Anspruch – theoretisch untermauern und nicht mit einer politischen Argumentation.

Es ist ein gutes Gefühl und sehr motivierend, an der Lösung gesellschaftlicher Probleme zu arbeiten. Gerade weil es aber beispielsweise auf die Frage, was „gelungene Integration“ ist, sehr viele verschiedene Antworten in der gesellschaftlichen Debatte gibt, muss ich immer klar trennen, wie meine wissenschaftliche Antwort darauf lautet und was ich mir politisch wünsche. Das heißt nicht, dass ich als Forschende keine politische Meinung haben darf. Ich muss mir nur der Tatsache bewusst sein, dass schon allein die Aussage ‚die Wissenschaft hat festgestellt …‘ die getroffene Erkenntnis in der öffentlichen Wahrnehmung stärker legitimiert.

Andererseits kann Forschung gerade auch Voreingenommenheiten und Mythen im politischen Diskurs widerlegen. Das ist gut und dann deckt sich möglicherweise meine wissenschaftliche Erkenntnis mit meiner politischen Meinung. Aber die wissenschaftliche Erkenntnis braucht trotzdem eine weiterreichende Fundierung als nur das für mich politisch Wünschenswerte.

Forschende müssen sich bewusst sein, dass ihre Arbeit auch politische Diskurse beeinflussen kann. Wissenschaft findet nicht im luftleeren Raum statt. Und eine Hochschule steht nicht auf neutralem Territorium. Umso wichtiger ist es, dass Wissenschaftler*innen zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Meinung (immer wieder aufs Neue) unterscheiden. Auch, wenn sie sich inhaltlich decken können, haben sie doch ein grundlegend unterschiedliches Fundament.

Ich denke, Wissenschaftler*innen dürfen natürlich politisch sein. Mit Blick auf die letzte Frage aus dem ZEIT-Artikel nach der Öffentlichkeit von Forschung gewinnt diese Frage zusätzlich an Bedeutung: Je mehr sich eine Hochschule öffnet und den Kontakt mit der Öffentlichkeit sucht, umso wichtiger wird es, dass jede*r einzelne über das Spannungsverhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft nachdenkt.

Transfer als Türöffner

Denn wenn wir den Anspruch an uns ernst nehmen, gesellschaftliche Probleme zu beackern, müssen wir das im ständigen Austausch mit der Gesellschaft tun. Für die Diskriminierung von Sinti und Roma im Bildungsalltag wird nicht sensibilisiert, der kurzsichtige Umgang mit dem Klimawandel in Unternehmen nicht überdacht, wenn wir eine Fachdiskussion im geschlossenen Hörsaal führen. Wissenschaft muss eine Gemeinschaftsleistung sein, an der alle mitarbeiten können, die möchten. Bidirektionaler Transfer ist das (fachlich-verschwurbelte) Zauberwort.

An beiden Beispielen sehen wir auch: Das sind politische Themen. Somit greifen die drei Zukunftsfragen des Artikels ineinander über. Schaffen es Hochschulen, einen Rahmen für eine Streitkultur zu bauen, in dem auch politische Fragen Platz finden?

Viele Hochschulen haben bereits Grundlagen geschaffen, um die Forschung noch stärker zu öffnen, partizipativer zu gestalten und haben ihren Wissenschaftler*innen damit auch die Möglichkeit gegeben, sich zu zeigen. TRANSFER TOGETHER arbeitet etwa daran, Open Science weiter zu stärken, neue Citizen-Science-Projekte ins Leben zu rufen und Wissenschaftskommunikation voranzutreiben. Darüber hinaus gibt es Mitmach-Formate, die die Distanz zwischen Wissenschaft und Gesellschaft abbauen sollen (z.B. Science Slams oder Barcamps).

Diese Transformation setzt einen Mentalitätswandel voraus, den Hartung und Menne ganz zurecht als „neue Epoche der Hochschulgeschichte“ beschreiben.

Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg in diese Epoche.

Max Wetterauer, Team, Transfer Together
Max Wetterauer

Open Science und Social Media sind die großen Baustellen, an denen Max im Bereich Offene Hochschule tüftelt. Wenn ihm die 280 Zeichen auf Twitter mal nicht ausreichen, stillt er seinen Schreibdurst mit Artikeln hier auf dem Blog. Zu Max‘ Projektseite.

Monika Gonser, Team, Transfer Together
Monika Gonser

Monika arbeitet für das ‚Together‘ im Projektnamen: Entweder packt sie selbst an und hilft Geflüchteten in der Region oder sie unterstützt diejenigen, die sich bereits engagieren mit Workshops, Beratungen und Netzwerktreffen. Zu Monikas Projektseite.

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