IN DER SCHULE MEDIENSUCHT BEGEGNEN

 

Mediensucht, Handy, Smartphone, unsplash.com, Camilo Jimenez
Jugendliche mit Mediensucht haben oft ähnliche Symptome, wie etwa Reizbarkeit, Konzentrationsschwächen oder der Rückzug aus der Klassengemeinschaft. Janika vom Teilprojekt Internetsuchtprävention beschreibt die Problematik. Außerdem stellt sie ein Workshopangebot für Lehrkräfte vor sowie ein Präventionsprogramm für Schüler:innen: PROTECT.

Was tun, wenn ein:e Schüler:in nur noch mit dem Smartphone oder Computer beschäftigt ist, Noten schlechter und Freundschaften nicht mehr gepflegt werden? Diese Problematik verschärft sich gerade auch in Zeiten des Homeschoolings, in denen sich der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen noch schwerer überwachen lässt. Wie eine Elternbefragung des ifo-Instituts zeigt, haben Schulkinder während der Schulschließungen (2021) 4,3 Stunden pro Tag mit schulischen Tätigkeiten verbracht und 4,6 Stunden hingegen mit Fernsehen, Computerspielen und dem Handy. Hier wird deutlich, dass in Zeiten des Online-Unterrichts mehr Zeit mit der freizeitlichen Nutzung von digitalen Medien verbracht wird als mit dem Lernen für die Schule. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Lehrkräfte verunsichert sind, wie sie dem Thema Mediensucht in der Schule begegnen sollen.

Mediensucht bei Jugendlichen erkennen

Typischerweise zeigt sich Mediensucht bei Schüler:innen anhand nachlassender Leistungsfähigkeit, schlechter werdenden Noten und Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Auch Übermüdung sowie der Rückzug aus dem Sozialverband der Klasse sowie Reizbarkeit oder Niedergeschlagenheit können auftreten, wenn sich die Mediennutzung nicht mehr in einem gesunden Rahmen befindet. Obwohl der Medienkonsum offensichtlich negative Folgen hat, wollen Betroffene das oftmals nicht wahrhaben – es wird munter weitergespielt und das Handy kaum beiseitegelegt.

Wenn euch diese Problematik bekannt vorkommt – ihr eventuell selbst Lehrkraft seid –, kann euch das kostenlose Online-Workshopangebot des Teilprojekts Internetsuchtprävention von TRANSFER TOGETHER vielleicht helfen. In den Workshops vermitteln wir die grundlegenden Inhalte zur Internet- und Computerspielabhängigkeit. Ihr lernt die Problematik besser verstehen und bekommt von uns Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Mehr unter www.protect-mediensucht.de (Kontakt: info@protect-mediensucht.de). Dort gibt es außerdem die Möglichkeit, mithilfe eines Selbsttests zu überprüfen, ob ein:e Schüler:in von einer Mediensucht betroffen sein könnte.

Ab wann wird’s gefährlich und wie verbreitet ist eigentlich Mediensucht?

In dem Workshop diskutieren wir zunächst mit euch die aktuellen Zahlen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen sowie die von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Kriterien der Diagnose „Computerspielsucht“. So lernt ihr zum Beispiel, dass das Zeitkriterium für eine entsprechende Diagnose nicht unbedingt ausschlaggebend ist oder dass deutlich mehr Jungen von einer Computerspielabhängigkeit betroffen sind als Mädchen. Ihr lernt die verschiedenen Computerspielgenres kennen, um zu sehen, warum das Suchpotential bei bestimmten Spielen besonders hoch ausfällt. So bieten beispielsweise Online-Rollenspiele wie World of Warcraft durch die Vernetzung mit anderen Spieler:innen und die soziale Verpflichtung, die dadurch entsteht, ein erhöhtes Suchtpotential.

Wie entsteht Mediensucht? Welche Möglichkeiten der Früherkennung und Prävention gibt es?

Um ein grundlegendes Verständnis dafür zu bekommen, wie Internet- und Computerspielabhängigkeit bei Kindern und Jugendlichen eigentlich entstehen kann, betrachten wir gemeinsam verschiedene Entstehungsmodelle und diskutieren Risikofaktoren. Neben bestimmten kontextuellen Faktoren gibt es beispielsweise Hinweise darauf, dass Mediensucht häufig mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften (wie Impulsivität), mangelnden sozialen Kompetenzen oder einem geringeren Selbstwertgefühl einhergeht.

An der Pädagogischen Hochschule Heidelberg wurde das Trainingsprogramm PROTECT („Professioneller Umgang mit technischen Medien“)  entwickelt, das dabei helfen soll, übermäßigem Mediengebrauch vorzubeugen. PROTECT besteht aus vier 90-minütigen Modulen und richtet sich an Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. Es wird als Präventionsprogramm in Schulen angeboten und wurde bereits in mehreren Studien wissenschaftlich evaluiert.

Bei PROTECT wird davon ausgegangen, dass Jugendliche mit einer Mediensucht die Internetaktivität bzw. das Computerspielen als Strategie nutzen, um negative Gefühle zu bewältigen. Diese können aus Problembereichen stammen wie 1) Motivationsprobleme oder Langeweile 2) Leistungsangst, die häufig mit dem chronischen Aufschieben unangenehmer Aufgaben verbunden ist (Prokrastination) und 3) soziale Ängste, häufig gepaart mit einem Mangel an sozialen Kompetenzen. Für Betroffene ist der Ausgleich dieser unangenehmen Gefühlszustände durch Internet und Computer eine hochwirksame Strategie – wenn auch nur kurzfristig. Langfristig ist es schädlich und das Ausgangsproblem wird dadurch auch nicht gelöst.

PROTECT basiert auf kognitiv-verhaltenstherapeutischen Techniken, wie z.B. Psychoedukation, Veränderung von Gedankenmustern, Aufbau von Aktivitäten, Problemlösetraining sowie der Förderung der Emotionswahrnehmung und -regulation. Jedes Modul widmet sich einem der potenziell wichtigsten Risikofaktoren bei der Entstehung einer Computerspiel- und Internetabhängigkeit.

Das Ziel des Programms ist nicht der Verzicht auf Internet und digitale Medien – das wäre in der heutigen Zeit sowieso kaum vorstellbar. Die Sensibilisierung für den eigenen Computerspiel- und Internetgebrauch sowie die Förderung eines gesunden Umgangs mit digitalen Medien stehen stattdessen im Vordergrund.

Weitere Tipps und Empfehlungen für Lehrkräfte
  • Reden: Sucht das Gespräch mit den Betroffenen und verschafft euch einen Eindruck über den Medienkonsum.
  • Unsere Schulsozialarbeiter:in und/oder Fallmanager:in vom Teilprojekt Internetsuchtprävention kontaktieren: Holt euch Unterstützung von Fachkräften an eurer Schule.
  • Elterngespräch anbieten: Nehmt Kontakt zu den Eltern auf und macht sie auf das Hilfsangebot (Fallmanager:in/Schulsozialarbeiter:in) an eurer Schule aufmerksam.
  • Bei Auffälligkeiten einer größeren Gruppe: Bucht einen kostenlosen PROTECT-Präventionsworkshop an eurer Schule.
Janika Eschrig, Team, Transfer Together
Janika Eschrig

Janika widmet sich der Aufklärung und Prävention zum Thema Internet- und Computerspielsucht und organisiert Workshops und Angebote für Jugendliche, Eltern und pädagogische Fachkräfte in der Region. Zu Janikas Projektseite.

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