“SOLL ICH TWITTERN?”

 

Twitter, Tasse, unsplash.com, Edgar Moran
Viele in der Wissenschaft fragen sich, ob sich ein eigener Twitter-Account lohnt. Max vom Transferzentrum der PH Heidelberg gibt euch drei Gründe für und gegen das Zwitschern an die Hand, die euch die Entscheidung erleichtern werden. Ein Gastbeitrag des Transferzentrums.

Hast du Erfahrungen mit Twitter? Es wäre super, wenn das möglichst viele im Projekt nutzen würden.“ So oder so ähnlich sagte mir das Projektleiter Christian, als ich 2018 meinen Job antrat. Bis dahin hatte ich wenig Ahnung von Twitter: Irgendwas mit Donald Trump, Shitstorms, Filterbubble. Eher negativ, altbacken, eine Welt für sich. Doch seither ist viel geschehen und mein Bild vom 280-Zeichen-Gezwitscher hat sich stark gewandelt. Heute würde ich Christians Aussage genauso wiederholen und bestärken: Es wäre super, wenn möglichst viele Wissenschaftler:innen Twitter nutzen würden – und, wenn sie sich vorher darüber informieren würden.

Das Transferzentrum der Pädagogischen Hochschule Heidelberg hat ein breites Workshop-Angebot zu bieten: Social Media, Wissenschaftskommunikation, New Work, Gründung oder Netzwerken sind unsere Themen. Die Workshops sind kostenlos und für alle Interessierten zugänglich – egal, ob Hochschulmitglied oder nicht. Alle weiteren Infos findet ihr unter https://www.ph-heidelberg.de/transferzentrum/events-und-anmeldung.html.

Ich berate regelmäßig in Workshops über die sozialen Netzwerke und mache auch einen Crashkurs Twitter. Dabei will ich keine Werbung für Twitter machen und das Netzwerk uneingeschränkt empfehlen, sondern die Teilnehmenden in die Lage versetzen, eine informierte Entscheidung zu treffen. Dazu gehört auch, sowohl die positiven wie auch die negativen Seiten der Plattform zu beleuchten.

3 Gründe gegen Twitter für Hochschulen & Wissenschaftler:innen

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Wer einen guten Twitter-Account aufbauen und pflegen möchte, muss Zeit investieren. Es gibt zwar Tools, die euch die Arbeit erleichtern können (s.u.), aber ihr werdet dennoch Zeit dafür brauchen, euch auf der Plattform zurechtzufinden und sie später effektiv zu beobachten. Ein Beispiel: Für die tägliche Pflege des Twitter Accounts des Transferzentrums benötige ich etwa 15 Minuten. Obendrein plane ich etwa 2-3 Beiträge pro Woche voraus. Das dauert etwas weniger als eine Stunde.

Zur Zeitfrage gehört auch, dass Twitter – und soziale Netzwerke allgemein – darauf ausgelegt sind, dass ihr die Plattform nicht verlasst. Das können diese Plattformen dank ihrer ausgeklügelten Algorithmen sehr gut (mehr zu Algorithmen in meinem Blogbeitrag „In den Kaninchenbau“). Wer sich auf Twitter bewegt, sollte sich vorab informieren, wie diese Algorithmen funktionieren, warum was angezeigt ist. Damit einher geht auch das Problem des Datenschutzes: Der Landesbeauftragte für Datenschutz und Internetsicherheit (LfDI) bemängelt schon länger den mangelnden Datenschutz bei Twitter (s. Pressemitteilung des LfDI, Jan. 2021) und hat seinen eigenen Account dort gelöscht. Hochschulen sind (in der Regel) öffentliche Einrichtungen und sollten daher darauf achten, den Vorgaben des LfDI zu folgen (s. Richtlinien des LfDI für die Nutzung sozialer Medien, 2020).

Und drittens: Twitter ist eine Blase und (zumindest in Deutschland) kein Massenmedium, wie etwa Facebook oder Instagram. Laut dem Hootsuite Global Report 2021 nutzen ca. 6 Millionen Deutsche Twitter. Zum Vergleich: Instagram zählt rund 26 Millionen Nutzer:innen. Nur rund 5 Prozent der Bevölkerung greifen wöchentlich auf Twitter zu, sagt auch die ARD/ZDF-Onlinestudie 2020 – auch hier weisen die Platzhirsche Facebook (26 Prozent) und Instagram (20 Prozent) deutlich höhere Zahlen auf. Auffällig ist auch, dass (in den USA) die Anzahl an Akademiker:innen auf Twitter höher ist, als in der Gesamtbevölkerung und dass rund ein Viertel der verifizierten Accounts auf Twitter Journalist:innen gehören. Die designierte Staatsministerin für Digitales Dorothee Bär sagte in Die Welt kürzlich, „auf Twitter [seien] ohnehin nur Politiker, Journalisten und Psychopathen unterwegs.“ Die Aussage ist natürlich zugespitzt, hat aber irgendwo auch einen wahren Kern, …

3 Gründe für Twitter für Hochschulen & Wissenschaftler:innen

… der allerdings gar nicht unbedingt negativ sein muss. Wer sich vorher darüber informiert, wer mit Twitter erreicht wird, kann die eigenen Erwartungen und Ziele daran anpassen. Twitter ist eher ungeeignet, um möglichst viele, diverse Gesellschaftsgruppen anzusprechen. Dafür eignet sich Instagram etwas besser (mehr dazu im Blogbeitrag „Ist Wissenschaft instagramable?“). Allerdings sind Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und auch Politiker:innen sowie einzelne Szenen (u.a. die New-Work-Szene oder Lehrer:innen) aktiv und untereinander gut vernetzt. Da Twitter auch kein Massenmedium und vergleichsweise übersichtlich ist, ist es auch nicht allzu schwer, sich innerhalb dieser Blasen Gehör zu verschaffen. Wer sich etwa innerhalb seines Fachbereichs vernetzen oder Kontakt zu Medien herstellen möchte, ist auf Twitter genau richtig.

Die Algorithmen helfen uns dabei sogar: Wenn ihr Twitter eine Zeit lang benutzt, lernt der Algorithmus, welche Inhalte für euch interessant sind. Uninteressante Inhalte werden nach und nach herausgefiltert. Ihr könnt dem Algorithmus auch nachhelfen, indem ihr etwa Schlagworte oder Hashtags in den Einstellungen direkt stummschaltet. Auch andere Tools können euch darin unterstützen, lediglich die für euch interessanten Beiträge zu sehen (s.u.).

Zu guter Letzt: der Einfluss auf eure Sprache und Kommunikation. Aktuell erlaubt Twitter 280 Zeichen in einem Tweet. Das ist nicht viel. In meinen Workshops höre ich oft Wehklagen, dass ein komplexer wissenschaftlicher Output auf so kleinem Raum nicht kommuniziert werden kann. Lasst mich das ins Positive wandeln: Der knappe Raum verlangt Kreativität. Insbesondere der wissenschaftliche Bereich neigt dazu, die eigenen Themen in so komplizierter Sprache zu verpacken, dass sie für viele Menschen nicht mehr verständlich sind. Das Zeichenlimit bei Twitter kann meines Erachtens dazu beitragen, zu lernen, die eigenen Aussagen schneller auf den Punkt zu bringen. Das stellt unsere Schreibkompetenz auf die Probe und zerrt uns aus der akademischen Komfortzone mit Fußnoten und Vorlesungen.

Soll ich nun twittern – oder lieber nicht?

Es ist auf alle Fälle wichtig, sich über die Plattform zu informieren und nicht blind einen Account zu erstellen. Stellt euch vorher am besten einige grundsätzliche Fragen: Was will ich mit meinem Account erreichen? Wen will ich ansprechen? Wie viel Zeit habe ich dafür zur Verfügung? Und ist Twitter dafür die richtige Plattform? Ihr braucht keine vollständige Strategie, aber geht solche Fragen doch vorher einmal im Kopf durch. Im Blogbeitrag zu unserer Social-Media-Strategie erfahrt ihr mehr über diese Kernfragen.

Meine persönliche Erfahrung: Twitter ist nicht für jede:n etwas. Die Plattform hat eine eigene Sprache und Dynamik, die viele abschreckt. Aber ich kenne viele Wissenschaftler:innen (auch bei uns im Team), die Twitter inzwischen ganz natürlich für ihre Arbeit nutzen, sich dort mit spannenden Menschen vernetzen und davon sehr profitieren. Ich würde Wissenschaftler:innen, aber auch Forschungsprojekten und Hochschulen immer empfehlen, sich zumindest einmal durch den Kopf gehen zu lassen, die Plattform für ihre Arbeit zu nutzen.

Eine Starthilfe

Die ersten Schritte auf Twitter sind nicht einfach. Hier ein paar Tipps, die euch den Einstieg erleichtern:

  • Accounts finden mit Listen: Ein fast vergessenes Feature von Twitter sind öffentliche Listen, in die Accounts mit ähnlichen Themen aufgenommen werden können. Das macht es zu Beginn einfacher, interessante Accounts zu finden. Es gibt vom Projekt TRANSFER TOGETHER etwa eine Liste mit Twitter-Accounts, die aus der PH Heidelberg heraus twittern: das PH-Gezwitscher.
  • Tools für die richtigen Hashtags: Die berüchtigten Hashtags sind wichtig, um euch sichtbar zu machen. Aber sie entstehen oft zufällig und bestehen vielleicht aus gar keinem naheliegenden Begriff. Ein gutes Beispiel ist #twlz, kurz für #twitterlehrerzimmer, unter dem sich Lehrkräfte austauschen. Es gibt zahlreiche Tools, um die passenden Hashtags für das eigene Thema zu finden. Ich nutze gerne Hashtagify, das mir auch in der Gratis-Version ohne Anmeldung eine Wortwolke mit Hashtags anzeigt, die im Zusammenhang mit meinem Suchbegriff benutzt wurden.
  • Dein persönlicher Feed mit Tweetdeck: Das hilfreichste Tool ist zweifelsohne das Tweetdeck von Twitter selbst. Hier lässt sich der unübersichtliche Feed von Twitter ganz individuell gestalten. In Säulen könnt ihr zum Beispiel dauerhafte Hashtag-Suchen einrichten, sodass ihr nie verpasst, wenn zu euren Themen getwittert wird. Tweetdeck ist lediglich eine andere Oberfläche für Twitter, auf der ihr dennoch ganz normal interagieren könnt.
Was denkt ihr dazu?

Was sind eure Erfahrungen mit Twitter? Habt ihr das Gefühl, das soziale Netzwerk lohnt sich für Wissenschaftler:innen? Denkt ihr, Hochschulen sollten auf Twitter aktiver werden? Und wenn ihr bei Twitter seid: Was hat euch geholfen, auf der Plattform Fuß zu fassen? Ich freue mich über eure Kommentare!

Max Wetterauer, Team, Transferzentrum
Max Wetterauer

Open Science und Social Media sind die großen Baustellen, an denen Max im Bereich Offene Hochschule tüftelt. Wenn ihm die 280 Zeichen auf Twitter mal nicht ausreichen, stillt er seinen Schreibdurst mit Artikeln hier auf dem Blog. Zu Max’ Projektseite.

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