TWITTERN UNTER FALSCHER FLAGGE

 

Pirat, Statue, unsplash.com, Scott Umstattd
Valentin hat einen Twitter-Account gekapert: Der Schreibdidaktiker übernahm für eine Woche das Fachportal Pädagogik und twitterte dort über seinen Alltag als Wissenschaftler. Max hat mit ihm über seine Erfahrungen mit dem sozialen Netzwerk gesprochen.

Bei einem Social-Media-Takeover überlässt man den eigenen Account einer unbeteiligten Person, die dann oftmals für eine Woche über ihre eigenen Inhalte schreibt. Das gibt es häufig auf Instagram, Snapchat oder Twitter und ist längst kein hippes Social-Media-Experiment mehr, sondern Routine. Die ZEIT lässt den eigenen Kanal regelmäßig von Dritten bespielen, und auch in der Wissenschaftskommunikation gibt es bereits etablierte Formate. So darf bei den RealScientists (@realscientists_de) jede Woche jemand Neues über den eigenen Wissenschaftsalltag twittern.

Valentin (@ValentinUngerHD) hatte bis vor kurzem noch wenig mit Social Media am Hut – ist dann aber mit Twitter auf den Geschmack gekommen. Er war noch ein Küken auf dem Zwitscher-Parkett als er auf das Fachportal Pädagogik (@FachportalPaed) gestoßen ist, das gerade Pädagog*innen gesucht hat, die für eine Woche den Account kapern wollen. Valentin biss sofort an. Der Doktorand forscht seit 2016 an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er untersucht mit seinen Kolleg*innen, wie schreibdidaktisches Wissen bei Lehramtsstudierenden diagnostiziert und gefördert werden kann.

Im Interview mit Max berichtet Valentin über seine Erfahrungen mit dem Takeover.

Max: Hast du dich auf dein Social-Media-Takeover vorbereitet?

Valentin: Ja, ich hatte mir vorab überlegt, welche Inhalte ich an welchem Tag twittern würde. Meine Idee war, dass ich erstmal meine zwei Forschungsanliegen präsentiere. Unabhängig davon wollte ich außerdem von Situationen aus dem Promotions- und Büroalltag berichten. Vieles entstand aber auch einfach aus der Situation heraus, wie zum Beispiel „Wir gehen jetzt Mittagessen“ oder „Es klappt gerade beim Rechnen nicht“.

Max: Dem Fachportal folgen rund 1.100 Menschen auf Twitter. Das versprach eine Menge Reichweite, aber auch Arbeit. War es für dich eine Umstellung, deinen Alltag via Twitter zu dokumentieren?

Valentin: Ich verbringe nicht so viel Zeit in den sozialen Medien. Da ist es schon etwas Anderes, wenn man über einen großen Account plötzlich so viel Feedback bekommt. Ich habe versucht jede Stunde etwas zu posten, dadurch war es auch ein großer Zeitfaktor, den ich sonst in meine Arbeit hätte investieren können.

Max: Wie viel Zeit hast du am Tag etwa investiert?

Valentin: Am Tag waren es etwa zwei Stunden für das Schreiben und Recherchieren. Ich wollte schließlich auch andere interessante Inhalte finden und teilen.

„Ein ganz anderes Publikum, als wenn ich auf einer Tagung spreche“

Max: Würdest du im Nachhinein sagen, dass es sich gelohnt hat?

Valentin: Ja, auf jeden Fall. Ich fand es besonders spannend, die eigene Forschung nochmal in eine andere Sprache zu packen. Schließlich muss ich mich an die Beschränkung auf 280 Zeichen halten. Außerdem habe ich ein ganz anderes Publikum, als wenn ich auf einer Tagung spreche. Das sensibilisiert im Umgang mit sonst alltäglichen Fachbegriffen. Allein das war schon eine tolle Erfahrung. Außerdem habe ich mich mit Follower*innen austauschen können und neue Leute kennengelernt. Es war interessant, wie man dieses Netzwerk nutzen kann.

Max: Warum Twitter und nicht etwa ein Blog?

Valentin: Blogging finde ich auch spannend, aber ich sehe hier die Gefahr, wieder in alte Sprachgewohnheiten zu verfallen. Das macht Twitter herausfordernder: Du musst dich kurzfassen!

Max: Findest du, dass sich Twitter für Wissenschaftskommunikation anbietet?

Valentin: Jein. Auf der einen Seite muss ich meine Sprache anpassen und viel adressatenorientierter schreiben, um einem breiten Publikum meine Inhalte zu vermitteln. Wenn das klappt, hat man die Chance, sehr viele Menschen auf einmal zu erreichen, ohne ständig von Konferenz zu Konferenz zu reisen. Auf der anderen Seite muss ich aber auch aufpassen und genau überlegen, was ich schreibe: Alles ist schließlich öffentlich und manche Zwischenergebnisse eignen sich noch nicht zur Veröffentlichung. Bei wissenschaftlichen Papern mit Peer-Review ist die Qualität natürlich gesicherter als bei Twitter. Hier einen guten Weg zu finden, fand ich schwierig. Schließlich will ich nicht irgendwelche Dinge twittern, die sich nachher als falsch herausstellen. Deswegen habe ich erstmal die Strategie gehabt, die Ergebnisse auf einer Metaebene zu belassen und dann eben auf handfeste Publikationen zu verweisen.

Willkommen im Twitter-Lehrerzimmer

Max: Auf Twitter werden auch viele Wortwitze, Memes und GIFs benutzt. Glaubst du, sowas macht es einfacher als Wissenschaftler mit einem relativen trockenen Thema zu überzeugen?

Valentin: Ich will auch bei Vorträgen auf Tagungen eine gewisse Lockerheit rüberbringen – natürlich weniger, als auf Twitter. Ich glaube, dass man dadurch mehr Leute ansprechen kann. Mir ergeht es ja auch so: Wenn ich die Timeline auf Twitter durchgehe, bleibe ich bei der Masse an Beiträgen auch eher bei denjenigen hängen, die etwa durch ein passendes GIF witzig unterlegt sind. Dann steige ich eher ein.

Max: Schadet das nicht der Seriösität und Glaubwürdigkeit?

Valentin: Das würde ich nicht sagen. Solange der Inhalt dahinter Hand und Fuß hat.

Max: Wirst du Twitter insgesamt weiter nutzen für deine Arbeit?

Valentin: Ja, ich twittere jetzt erstmal über meinen privaten Account weiter, aber natürlich nicht so intensiv wie ich es in der Woche gemacht habe. Was ich viel nutze ist das #TwitterLehrerzimmer. Als Wissenschaftler habe ich aktuell noch nicht den Praxisbezug und da ist es auch ganz cool, eine Innensicht in die schulische Praxis zu bekommen. Das finde ich enorm wertvoll. Es ist aber auch insgesamt bereichernd: Man kocht sonst immer sein eigenes Süppchen und sitzt im berühmten Elfenbeinturm, in seiner eigenen Forschungsblase. Twitter ist eine gute Möglichkeit, um ein bisschen aus dem Fenster zu gucken.

Max: Kannst du dir vorstellen, nochmal so ein Social-Media-Takeover zu machen?

Valentin: Auf jeden Fall! Ich könnte mir gut vorstellen, bei den RealScientists mitzumachen. Damit erreicht man so viele Menschen – auch über den eigenen Fachbereich hinaus. Gerade eben war jemand aus der Kognitionspsychologie dabei. Da habe ich noch ein paar Berührungspunkte. Aber manchmal habe ich von den Themen auch gar keine Ahnung und dann liest man einfach ein bisschen nebenher mit und lernt unheimlich viel, wie andere Bereiche funktionieren. Das finde ich sehr spannend.

Max: Weiterhin viel Spaß und vielen Dank für das Gespräch.

Max Wetterauer, Team, Transfer Together
Max Wetterauer

Open Science und Social Media sind die großen Baustellen, an denen Max im Bereich Offene Hochschule tüftelt. Wenn ihm die 280 Zeichen auf Twitter mal nicht ausreichen, stillt er seinen Schreibdurst mit Artikeln hier auf dem Blog. Zu Max‘ Projektseite.

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Comments (2)

Vielen Dank für deine Rückmeldung Laura. Zu deiner Frage: Ich finde, dass es auf den Kontext ankommt. In einem wissenschaftlichen Diskurs sollte man sich natürlich auf belastbare Ergebnisse berufen. Das macht für mich eine anständige Diskussionskultur aus. Auf der anderen Seite finde ich es aber sehr wertvoll, auch noch nicht endgültige Dinge zur Diskussion zu stellen, sofern – und das ist mE zentral – gekennzeichnet ist, dass es sich um vorläufige Interpretationen oder (wie bei dir) Testinstrumente handelt. So kann man von der Schwarmintelligenz sicher enorm viel lernen. Ich bin auf weitere Meinungen gespannt.

Ich finde es wirklich klasse, dass Valentin einfach mal ausprobiert hat und jetzt noch seine Erfahrungen mit uns teilt! Mir zeigen seine Erfahrungen, dass Wissenschaftskommunikation (egal über welchen Kanal) immer auch zeitintensiv und herausfordernd ist: Wie formuliere ich? Wie erreiche ich? Wie bringe ich den Content rüber? Das sind alles Fragen, mit denen man sich nicht so sehr im Konferenzbereich auseinandersetzen muss, weil man von Beginn an ja schon dazu „erzogen“ wird. Aber die investierte Zeit hat auch einige entscheidende Vorteile: Ich kriege Feedback, und zwar auch außerhalb meiner „kleinen“ Community“; ich kriege neue Ideen; ich finde auch neue Kontakte, die mich voran bringen können; ich habe Spaß; ich kann auch mal Themen anreißen, die in der Publikationspraxis untergehen etc..
Zudem kommt für mich auch klar heraus, dass es viele verschiedene Kanäle gibt, die jedoch nicht alle gleichzeitig bedient werden müssen. Alles simultan zu bedienen führt wahrscheinlich dazu, dass nirgendwo so richtig der Schwerpunkt liegt und man evtl. schneller ins „Schwafeln“ ohne Plan kommt. Daher ist es eine weitere Herausforderung den für sich richtigen Kanal zu finden – Wer sollen meine Adressaten sein? Was will ich vermitteln? Was erhoffe ich mir davon? etc.. Ich persönlich fahre momentan die Schiene des Bloggens und nutze Twitter dabei dazu, auf die Posts aufmerksam zu machen – ich weiß, irgendwie geschummelt, weil ich mich um die Kurznachrichten winde 😀
Valentin ist ein tolles Beispiel dafür, warum einfach solche Social-Media-Plattformen ausprobiert werden sollten – egal mit welcher Vorkenntnis. Viele haben natürlich auch Hemmungen vor der Rückmeldung – wird mein Ansatz völlig kritisiert? Erreiche ich die Menschen, die ich erreichen will? Was sollte ich veröffentlichen (Valentins Beispiel mit den wenig gesicherten Daten)? Das sind tolle Fragen, die sich über „learning by doing“ beantworten lassen, man muss sich nur trauen.
Einen Aspekt möchte ich jedoch gerne noch zur Diskussion stellen:
Ist es schlimm, ungesicherte Zwischenergebnisse zu veröffentlichen, wenn man diese auch klar so benennt? Was mich persönlich immer gestört hat an der Art und Weise, wie veröffentlicht wird, ist eben dieser Zustand, dass immer nur runde und abgeschlossene Daten präsentiert werden. Keine Frage, das ist ein wichtiger Kernaspekt von Wissenschaftskommunikation. Aber fehlen hierbei nicht auch die beschriebenen Irrwege, die viele andere Menschen einschlagen, weil diese in der Publikationspraxis seltenst thematisiert werden? Könnte nicht vielleicht eine offene Diskussion zu Daten, die noch nicht vollständig interpretiert sind, auch fruchtbar sein, weil viele verschiedene Perspektiven betrachtet werden? Ich frage hier ganz eigennützig: Ich plane für einen Blogbeitrag bei Scilogs Auszüge meines entwickelten (und nicht validierten!!!) Messinstruments zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen. Das ist in meinen Augen zwar kein Qualitätskriterium im klassischen Sinne, aber weiter gedacht können hier Vorstellungen identifiziert werden, die das Messinstrument hervorruft – wird das Teil eigentlich so verstanden, wie ich es geplant habe?
Also kurz gefragt: Den klassischen Weg gehen oder evtl. Teile des Prozesses öffnen und schauen was passiert?
Ich bin gespannt auf deine Rückmeldung, Valentin 🙂

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