VERNETZT DENKEN IN VERSÄULTEN STRUKTUREN

 

Netzwerk, Säulen, unsplash.com, Matthieu Joannon
Die Gesellschaft schreit nach Offenheit, Innovationen, Netzwerken und Vielfalt. Alles neu denken, verkrustete Strukturen aufbrechen, jung und neu vor alt und etabliert. So zumindest zeigt sich Laura das Bild in Social Media, Face-to-Face-Gesprächen und der klassischen Berichterstattung. Aber ist das die gelebte Realität?

Wir sind uns wahrscheinlich einig darüber, dass zur Lösung gesellschaftlicher Probleme die Netzwerkarbeit ein Schlüssel ist. Netzwerke sprießen in allen Gesellschaftsbereichen wie Krokusse nach einem kalten Winter. Es gibt eine Vielzahl von Leitfäden, wie ein Netzwerk gegründet werden kann, es gibt Förderpreise für die Entwicklung von Netzwerken, Fortbildungsmaßnahmen für die Netzwerkarbeit und Vieles mehr. Nicht selten fällt mir aber auf, dass der Elan drastisch abnimmt, ist erst einmal ein solches Netzwerk gebildet. Man könnte den Eindruck bekommen, dass das Netzwerk als Selbstzweck gesehen wird. Aber noch einmal zur Erinnerung: Es geht um die Lösung gesellschaftlicher Probleme wie Fachkräftemangel, Bildungsgerechtigkeit, Integration etc. – und diese Probleme lassen sich nicht lösen, wenn Einzelpersonen in einem Netzwerk in lockerem, diskontinuierlichem Kontakt stehen. Hier endet das vernetzte Denken an versäulten Strukturen.

Das Netzwerk im Netzwerk im Netzwerk im …

Kein Wunder, wird doch die Gründung von Netzwerken vorangetrieben und die eigentliche Netzwerkarbeit sich selbst überlassen. Es gibt viele Probleme der Netzwerkarbeit, auf die es selten Antworten gibt:

  • Wie eigentlich in stetigen, aufwandsarmen Kontakt miteinander bleiben? E-Mails sind etabliert, aber versucht einmal einen Arbeitsauftrag mit ALLEN effizient und zielorientiert per Mail umzusetzen.
  • Eine ganze Palette von Leitfäden zur Gründung von Netzwerken sind verfügbar, aber wie sieht es aus mit einem Leitfaden für „nachhaltige Netzwerkarbeit“?
  • Netzwerke benötigen auch persönlichen Kontakt und Einzelgespräche, jedoch explodieren Zeitaufwand und Kosten für Dienstreisen mit der Größe des Netzwerkes. Woher nehmen wir die Ressourcen?
Bloggen als konstruktiver Austausch?

Ein weiteres Beispiel für diesen Widerspruch zeigt sich im Bloggen. Ich bin nicht nur Netzwerkerin, sondern auch Forscherin – und die Gesellschaft fordert von der Forschung (zu Recht) Transparenz und Offenheit ein. Dem wollte ich mit Wissenschaftskommunikation entgegen kommen, also begann ich meinen eigenen Blog bei SciLogs. Ich öffnete meine Forschungstätigkeiten und Gedanken, um sie multiperspektivisch auf den Prüfstand stellen zu lassen. Neben einigen wenigen guten Erfahrungen zeigte sich mir jedoch keinerlei Offenheit. Stattdessen erntete ich Profilierung, Destruktion und sogar Angriffe.

Das mag einerseits daran liegen, dass ich auf Interdisziplinarität gesetzt hatte und mich in einem Sammelsurium von Einzelwissenschaftlern*innen wiedergefunden habe. Das Phänomen kennt ihr bestimmt selbst von eurer Schulzeit – jede Lehrperson behauptet, ihr Fach wäre das einzig Wahre und Relevante. Mein Ansatz hingegen war, dass einzelne Perspektiven nicht ausreichen, um (gesellschaftliche) Probleme gänzlich verstehen und lösen zu können. Andererseits glaube ich auch, dass Hierarchien eine große Rolle spielen. Und das nicht nur in der Welt der Blogs.

Wer kein krasses Curriculum Vitae vorzuweisen hat, wer erst am Anfang steht, wer auf Erfahrungen und Unterstützung angewiesen ist, wird nicht für voll genommen. Das Problem begegnete mir schon in meiner Jugend und könnte einigen von euch bekannt vorkommen: Wer bei Onlinespielen beginnt und irgendwo mitspielen möchte, wird häufig als „Noob“ (Anfänger*in) verschrien und rausgekickt. Wo bleibt die Chance für einen Noob zum „Pro“ zu werden? Auch hier entdecke ich den Widerspruch zwischen vernetztem Denken und versäulten Strukturen: Flache Hierarchien, Kooperation vor Konkurrenz, Offenheit und Empathie sind total wichtig – aber bitte nicht im meinem Bereich!

Vernetztes Denken bei unserem MINT-Netzwerktreffen im September 2018. Mehr zum Event in meinem Blogbeitrag.

„Einer für alle und alle für einen“

Das Problem, was ich hier thematisieren möchte ist, dass es nicht ausreicht Offenheit, Vielfalt und Innovation zu fordern: Jede*r muss auch selbst dazu stehen und die leeren Forderungen mit Leben füllen. Ein ehrliches Mindset ist wichtig und die absolute Grundvoraussetzung, aber eben nicht die Lösung. Wie mit den Netzwerken oder dem Bloggen reicht es nicht aus, diese Ideen zu befürworten. Sie müssen gelebt werden. Nur so führt das vernetzte Denken in noch bestehenden versäulten Strukturen zu offenen, vielfältigen und innovationsfreudigen Strukturen. Mein Standpunkt dabei ist, dass dieses Mindset vor allem Empathie braucht. Natürlich handeln wir in unserer Lebenswelt als Einzelpersonen, aber erst mit Empathie sind wir in der Lage Andere zu verstehen und als Gemeinschaft zu agieren.

Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Widerspruch gemacht? Wann krachten bei euch vernetzte Systeme mit versäulten Stukturen zusammen? Oder habt ihr Gegenbeispiele? Wie würdet ihr den Widerspruch (auf)lösen?

Laura Arndt, Team, Transfer Together
Laura Arndt

Laura ist seit Januar 2018 im Team von TRANSFER TOGETHER und arbeitet für das Teilprojekt MINT-Bildung auch mal in einem Eisfach-Labor, wo zwar wärmeempfindliche Chemikalien geschont werden – die Laborantin aber nicht. Zu Lauras Projektseite.

Verwandte Beiträge

Comments (3)

Hallo Pilgrim!

Vielen Dank für Ihren Beitrag!

Eigendynamiken, die sich in einem Netzwerk entwickeln, schätze ich sogar als positiv ein. Ich verstehe meine Aufgabe als „Netzwerkkoordinatorin“ nicht darin, ein Netzwerk zu kontrollieren und detailliert zu regulieren, sondern eher darin, den Überblick zu behalten, den Informationsfluss zu stärken, übergeordnete Ziele des Netzwerkes immer wieder bewusst zu machen und vor allem die Sichtbarkeit nach außen stetig zu verbessern. Eigendynamik empfinde ich persönlich dabei nicht als hinderlich, sondern sogar äußerst förderlich. Ich ziele bei meiner Beschreibung im Blogbeitrag eher auf solche Netzwerke ab, die nach dem ersten Enthusiasmus der Gründung ihre Aktivitäten stetig abebben lassen. Hier wären Strategien, Hilfsmittel, Leitfäden und eine Palette an „Werkzeugen“ hilfreich.

Ihr Vorschlag zur Unterstützung durch einen Mentor finde ich sehr fruchtbar – dieses Vorgehen ist ja bereits innerhalb der Arbeitskreise von Forschenden etabliert. Jedoch zeigt sich in meinen Erfahrungen innerhalb der Wissenschaftskommunikation, dass Mentoren, die in diesem Feld Erfahrungen aufweisen, selten sind. Für mich persönlich ist es ein neues Feld, in dem ich durch Trial-and-Error lerne. Ein dickes Fell muss ich mir dafür tatsächlich wachsen lassen 🙂

Unabsichtlich anonym gesendet!

Hallo Laura,

danke für den Beitrag!

Der erste Aspekt, an den ich beim Lesen des letzten Abschnitts denken musste ist, dass Netzwerke (selbst mit Koordination) eine Eigendynamik entwickeln und man schwerlich „aussortieren“ kann, falls Mitglieder dann doch nicht den ursprünglichen Vorstellungen entsprechen – es ist also eine Frage von natürlichem vs. gesteuerten Wachstum.

Vollkommen d’accord gehe ich damit, dass es schwierig ist als Neuling in Expertenrunden anzukommen und sich zu einem solchen zu entwickeln. Man muss eine gute Portion an Selbstvertrauen, Gesprächsführungskompetenz und dickem Fell mitbringen, um sich in einem solchen Umfeld zu etablieren. Empfehlen kann ich dahingehend, dass man sich eine Art Mentor sucht (vielleicht sogar direkt im Netzwerk oder wenigstens im Dunstkreis), um die eigene Credibility zu steigern, einen Befürworter zu erhalten und „Defizite“ (bewusst so geschrieben, in Mangel eines passenderen Begriffs) zu verringen.

Kommentieren