DIE WELT STEHT STILL

 

Corona, Vekehr, Umwelt, unsplash.com, Justin Dark
Restaurants geschlossen, Fließbänder stehen still, Veranstaltungen abgesagt, Reisen unmöglich – das Coronavirus legt das öffentliche Leben in großen Teilen lahm. Sabrina wirft in der Krise einen Blick auf die Natur, der das Virus einen Moment Erholung schenkt.

Vor einigen Wochen sah der Einstieg in diesen Blogbeitrag noch ganz anders aus: Es ist 19 Uhr und ich stehe in der Einlassschlange zu einem Konzert. Es ist recht kalt und es nieselt leicht. Ich bin schon etwas genervt vom langen Warten und unterhalte mich mit meiner Freundin. Da höre ich hinter mir eine Männerstimme, die den anderen Wartenden recht laut ein Tütchen Gras andrehen möchte. „Wie auffällig macht der Typ das denn bitte?“, dachte ich mir und wollte mich gerade Umdrehen, um zu sehen, wer der Mensch ist, der so penetrant Drogen verkauft.

„Ein Tütchen Gras?“

Während ich mich umdrehe, steht er auch schon vor mir, grinst mich an, hält mir ein schwarzes Päckchen hin und fragt, ob ich ein Tütchen Gras haben möchte. Verdattert schaue ich zum Päckchen hinunter und realisiere, dass dies ein Tütchen mit Grassamen zum selbst aussäen ist.  Dann muss auch ich grinsen. Auf dem Gelände laufen mehrere junge Leute zu Werbezwecken eines Radiosenders herum und verteilen Wildpflanzensamen, Trachtpflanzensamen für Bienen oder eben Tütchen mit Grassamen.

Auffällig ist die Werbung definitiv und einige Konzertbesucherinnen und -besucher nehmen die Samentütchen auch mit. Mit meinen Kolleginnen und Kollegen diskutiere ich öfter darüber, was das Ziel solcher Aktionen ist und ob sie dienlich sind, um uns alle zur persönlichen Verantwortungsübernahme hinsichtlich eines nachhaltigeren Umgangs mit dem Planeten zu motivieren.

Wie sinnvoll ist es den Menschen ein Tütchen Grassamen in die Hand zu drücken und sie mit einem lockeren Spruch zum Schmunzeln zu animieren? Gehen die Leute heim und säen die Grassamen bei geeigneten Witterungsbedingungen tatsächlich aus? Wie können Menschen zum umweltschonenden Handeln motiviert werden? Was funktioniert wirklich?

Was hat das nun mit der jetzigen Situation zu tun?

Heute beschäftigen mich ähnliche Fragen. Es ist 13 Uhr, ich sitze im Homeoffice bei mir am Esstisch und informiere mich gerade über das aktuelle Weltgeschehen. Die Schlagzeilen lauten heute eher: „Coronakrise – die Natur schlägt zurück“ oder „Die Natur ist nicht nett und wir haben Grund zur Panik“.

Das klingt zunächst ziemlich bedrohlich und ob man diese Headlines wörtlich nehmen sollte, sei einmal dahingestellt. Was wir alle allerdings schon lange wissen ist: Wir beuten unsere Ressourcen aus, wir tragen zur Erderwärmung und damit zum Klimawandel bei und wir lassen zu, dass viele Tierarten aussterben.

Ja, das wissen wir und trotzdem handeln wir allzu oft entgegen dieses Wissen.

Die Welt steht still, das Leben geht weiter

Dort auf der Welt, wo das Conoravirus den Alltag der Menschen bestimmt, wird in der Umwelt deutlich, wie sie sich entwickeln würde, wenn der Mensch nicht in dem gleichen Maße wie jetzt seinem bunten Treiben nachgeht.

In China hatte das Einstellen von Produktionshallen und die Beschränkungen für das öffentliche Leben zu einer drastischen Reduktion der CO2-Belastung geführt. Um bis zu 25 Prozent soll dort die Umweltbelastung in den letzten Wochen sogar gesunken sein. Dies schrieb eine österreichische Zeitschrift (www.miss.at, gesehen am 23.03.2020).

Das muss natürlich erst einmal wissenschaftlich überprüft und bestätigt werden. Trotzdem kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sich Natur und Umwelt mit einer veränderten Wirtschafts- und Lebensweise des Menschen positiv entwickeln würden – eben sich selbst überlassen und in ihrem natürlichen Fluss.

Let it be

Die Natur sich selbst überlassen, geht aus der Sicht der menschlichen Zivilisation nur in bedingten Maße. Aber es geht, was man im Kleinen an verwilderten Plätzen in der Stadtnatur sieht und was auch im Großen in Naturschutzgebieten praktiziert wird. Sollten nicht noch mehr solcher Orte geschaffen werden, anstatt immer mehr Flächen im Zuge von Bebauungsmaßnahmen zu versiegeln?

Denn gerade jetzt schätzen wir es ungemein nach draußen ins Grüne spazieren zu gehen, Vögel singen zu hören und die Sonnenstrahlen auf unserem Gesicht zu spüren. Natur vermittelt uns Freiheit, sie sorgt für ein bestimmtes Lebensgefühl und lässt uns zur Ruhe kommen. Dies nur als ein Beispiel.

Handelt der Mensch immer erst dann, wenn er mit der Gefahr Angesicht zu Angesicht steht? Braucht es Regeln, Verbote von Landeschefs und Regierungen, die die Menschen zwangsweise zum „richtigen und notwendigen“ Handeln bringen? Doch was ist wann notwendig? Da fällt mir der bekannte Werbesatz ein: „Heute schon an Morgen denken“. Um beispielsweise den exponentiellen Anstieg der am Virus erkrankten Menschen in Deutschland so zu managen, dass unser Gesundheitssystem den Belastungen standhält, müssen eben jetzt notwendige Maßnahmen getroffen werden und nicht erst morgen.

So gestaltet es sich auch mit der Umweltproblematik.

Es ist schön, dass die Thematik Nachhaltigkeit und alle Schlagwörter (CO2-Emission, fair trade, Natur-/ Umweltschutz, biologische Vielfalt usw.), die mit ihr in Verbindung gebracht werden, (auch jetzt) medial präsent sind und in vielen Lebensbereichen erste, wichtige Schritte gegangen werden. Sie müssen jetzt und sie müssen von Jeder und Jedem gegangen werden, damit wir nicht wieder von der doch als so fern angesehenen Gefahr überrascht, wenn nicht sogar überrannt werden.

(Is this) the end of the world as we know it (and i feel fine)?

Die Coronakrise wird unsere (Um-)Welt verändern – zumindest zeitweise. Wie und ob diese Veränderungen Bestand haben werden, ist für mich noch nicht abzusehen. Auch der Klimawandel oder das Artensterben wird zu tiefgreifenden Veränderungen unseres Lebens führen. Einige davon sind derzeit schon spürbar. Also setzen wir uns weiterhin für einen Wandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für eine nachhaltige Entwicklung ein. Denn das Leben ist wunderbar, wenn es darauf Lust hat.

Sabrina Frieß, Team, Transfer Together
Sabrina Frieß

Tausche Lehrbuch gegen Lorbeeren: Mit ihrem Teilprojekt Outdoor Education klärt sie über die biologische Vielfalt vor der eigenen Haustür auf. Zu Sabrinas Projektseite.

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