WISSEN-SCHAF(F)T

 

Wer denkt bei Forschung nicht an Labore, Messgeräte und emsig Forschende in Laborkitteln? Menschen, die in der bildungswissenschaftlichen oder psychologischen Forschung tätig sind. Forschung ist mannigfaltig, beschäftigt sich mit vielseitigen Themen, die auch außerhalb eines Labors beforscht werden. Laura möchte in diesem Beitrag zeigen, welche Gemeinsamkeiten empirische Forschung aufweisen und wie sich Unterschiede in verschiedenen Fachbereichen ergeben.
Die 5 Phasen einer Doktorarbeit

Ich bin ein großer Fan von MaiLab und verfolge gerne die Beiträge der neuen Quarks-Moderatorin Mai Thi Nguyen-Kim. Als ich die 5 Phasen einer Doktorarbeit schaute, konnte ich mich als bildungswissenschaftliche Forscherin zwar gut mit Phasen, wie der „naiven Starphase“ oder der „Datenzombie“-Phase, identifizieren. Meine Forschung erfolgt jedoch nicht im Labor, dem klassischsten Stereotyp von Forschung überhaupt. Das nahm ich zum Anlass, diesen Blogbeitrag zu schreiben, um auch die bildungswissenschaftliche Forschung zu thematisieren und in Beziehung zum Forschungsstereotyp zu setzen.

Empirie

Wissenschaftliche Forschung lebt vom Beobachten und Messen. Allen Forschungsbereichen liegt zugrunde, dass sie Erkenntnisse aus Erfahrungen generieren und wiederholen können, was der Begriff „empirisch“ zusammenfasst. Die Temperaturabhängigkeit eines Virus oder die Ursachen von aggressivem Verhalten sind empirisch zugängliche Bereiche. Die Frage, ob es einen Gott gibt, entzieht sich der empirischen Forschung, weil „Gott“ nicht Teil des empirisch zugänglichen Bereichs ist

Harte und weiche Wissenschaften

Die Frage nach den Ursachen von aggressivem Verhalten kann sowohl durch harte wie weiche Wissenschaften untersucht werden. Die Verhaltensbiologie untersucht dabei beispielsweise physiologische Ursachen, wie etwa Hormonprofile, und misst dann zum Beispiel die Konzentration von Testosteron oder Cortisol („Stresshormon“) bei einer Versuchsperson. Harte Wissenschaften sind dadurch charakterisiert, dass Ursache und Wirkung durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt und Daten anhand von kontrollierbaren Variablen (bspw. Konzentrationen) erhoben werden können. Harte Wissenschaften werden dementsprechend der deterministischen Forschung zugeordnet.

Die Frage nach den Ursachen von aggressivem Verhalten kann jedoch auch von der Psychologie untersucht werden. Biografische Aspekte, sozio-kulturelle Einflüsse oder individuelle Haltungen spielen hier eine Rolle. Im Unterschied zu deterministischer Forschung werden hierbei komplexe Konstrukte beforscht. Einflussfaktoren müssen erst einmal identifiziert und operationalisiert werden. Das bedeutet, dass von einem Merkmal (aggressives Verhalten) passende Variablen identifiziert werden müssen, die gemessen werden und indirekt Rückschlüsse zum Grundkonstrukt ermöglichen. Das Forschungsobjekt muss also erst einmal konstruiert werden, da Konstrukte wie „Aggression“ komplex und nicht direkt messbar sind. Aggression und dessen Ursachen müssen sich nicht direkt in einer Handlung ausdrücken. Wir versuchen hierbei also einem Menschen in den Kopf zu schauen. Das Ergebnis sind meistens Wahrscheinlichkeitsaussagen, weshalb man von probabilistischer Forschung spricht.

Sind Wahrscheinlichkeiten weniger haltbar als harte Daten und Fakten? Kann man probabilistischer Forschung trauen?

Bessere und schlechtere Forschung?

Man könnte meinen, dass probabilistische Forschung bloßes Herumraten ist, nichts mit „echter“ Forschung zu tun hat. Wer dieser Meinung ist, sollte Intelligenztests, Persönlichkeitstest oder bildungswissenschaftlichen Aussagen den Rücken kehren, denn sie beruhen auf Erkenntnissen probabilistischer Forschung.

Probabilistische und deterministische Forschung unterscheidet sich in den Forschungsobjekten, denen sie sich widmen. Etwa die Untersuchung von Aggressionsbereitschaft benötigt andere Bedingungen als die Untersuchung der Temperaturabhängigkeit von Viren. Aber sowohl deterministische als auch probabilistische Forschungsbereiche beruhen auf dem Kritischen Rationalismus, der Leitlinien zur fundierten Erkenntnisgewinnung liefert.

Nur so eine Theorie!?

Theorien sind (entgegen unserer Alltagsvorstellung) keine bloßen Annahmen, sondern die erklärungsmächtigsten und fundiertesten Erklärungssysteme der Forschung überhaupt.

Nach dem kritischen Rationalismus ermöglichen sie Faktoren in Zusammenhang zu bringen und Kausalitäten zu konstruieren, daraus Hervorsagen abzuleiten sowie diese Erkenntnisse in Innovationen zu übertragen. Sie erklären also das ‚Wie‘, wohingegen Gesetze Gegebenheiten und das ‚Was‘ beschreiben. Theorien sind daher Ausgangpunkt empirischer Forschung, da sich hieraus Faktoren, Zusammenhänge und Effekte modellieren lassen, die die Grundlage einer Forschungsplanung darstellen.

Prinzipiell generiert die empirische Forschung streng kontrolliert und zielorientiert Daten – und aus ihrer Interpretation – Erkenntnisse. Nicht etwa durch „Forschen nach Rezept“ oder „blind drauf los“. Die Theorie steht nicht nur am Anfang einer empirischen Untersuchung. Sie bildet auch den Abschluss in ihrer eigenen Prüfung, Schlussfolgerung und Anpassung. Natürlich gibt es neue, wenig beforschte (explorative) Untersuchungen, bei denen die theoretische Basis dünn ist. Nichtsdestotrotz werden auch hier Überlegungen angestellt sowie Hypothesen und Prognosen entwickelt. Ohne theoretische Basis ist beispielsweise eine Interpretation von Daten willkürlich und blind.

Theorie – das verbindende Element

Die Stellung zu und Funktion von Theorien verbinden die probabilistische und die deterministische Perspektive, da sie theoriebasiert sind. Sie generieren streng kontrolliert Erkenntnisse. Sie unterscheiden sich jedoch durch die Art ihres Untersuchungsobjektes: Ob in der Theoriebildung oder in der Erkenntnisgewinnung bezüglich Messinstrumenten, Forschungsdesigns und entwickelten Aussagen.

In der probabilistischen Forschung stehen Konstrukte zum Forschungsobjekt, dessen Beschaffenheit und Einbettung sowie potenzielle oder identifizierte Einflussfaktoren zu Beginn der Forschungsplanung und -durchführung. Verglichen mit deterministischen Theorien und Modellen sind diese komplexe und häufig mentale Konstrukte, deren Ausprägung zunächst über Merkmale festgemacht werden muss (Operationalisierung). Bei der Beforschung aggressiven Verhaltens bedeutet dies erst einmal „Aggressivität“ zu definieren, Merkmale zu identifizieren und messbar zu machen.

Die Aggressionsforschung ist etabliert, weshalb hierbei bereits auf fundierte Konstrukte zurückgegriffen werden kann und das Rad nicht neuerfunden werden muss. Aufgrund der langen Forschungstradition gibt es ebenfalls verschiedene Modelle von Aggressivität, die unterschiedliche Perspektiven und Zielsetzungen unterliegen und vor dem Hintergrund der Forschungsfrage ausgewählt werden müssen. Soll beispielsweise geprüft werden, ob Vernachlässigung durch die Eltern ein begünstigender Faktor von aggressivem Verhalten ist, so wird diese neue Variable in den ausgewählten, theoretischen Kontext gesetzt. Anschließende Überlegungen, wie das Merkmal „Aggressivität“ erfasst werden kann und welche Merkmalsausprägungen erfasst werden müssen, führen zur Messinstrumentkonstruktion.

Forschung nach Maß(stab)

Kontrolliertes Erfassen braucht Messinstrumente. Ein probabilistisches Messinstrument muss in der Lage sein, menschliche Merkmale zu erfassen und Rückschlüsse auf das zugrundeliegende Konstrukt zu ermöglichen. Das sind dann zum Beispiel Fragebögen, Interviewleitfäden oder Tests. Sie stehen, im Gegensatz zu den klassischen Messinstrumenten der deterministischen Forschung, wie Thermometer oder pH-Teststreifen, nicht unbedingt einsatzbereit im Schrank.

Die Messinstrumente der probabilistischen Forschung sind also unterschiedlichste Arten der Rückmeldung und Dokumentation von Beobachtungen. Sie müssen wie jedes Instrument geprüft sein, ob sie tauglich und adäquat das messen, was sie sollen.

Sowohl deterministische als auch probabilistische Messinstrumente durchlaufen hierfür Testreihen, um Eigenschaften, Gültigkeitsbereiche und Eignung zu prüfen. In der probabilistischen Forschung bedeutet dies eine Menge Statistik: Daten einer umfassenden Proband*innengruppe, ergänzt durch weitere kontrollierte Variablen wie Geschlecht oder Alter, gilt es gewissenhaft und multiperspektivisch auszuwerten. Daraus ergeben sich Kennwerte über den Grad der Objektivität, Reliabilität (Messschärfe) und Validität (Gültigkeit), die durch andere Forschende geprüft und optimiert werden können. Der Aggressionsforschung stehen daher auch unterschiedlich fundierte Messinstrumente zur Verfügung, aus denen Forschende auswählen können. Anders als in der deterministischen Forschung, müssen zur Beantwortung der Fragestellung „Fördert Vernachlässigung durch die Eltern aggressives Verhalten?“ entweder vorhandene Messinstrumente angepasst oder neue entwickelt werden. Diese durchlaufen erneut den Kreislauf von Testreihen, bevor sie genutzt werden können.

Black Box: Mensch

Probabilistische Forschung liefert daraus Wahrscheinlichkeitsaussagen. Nach der Verarbeitung und Auswertung der Forschungsergebnisse, folgt die Dateninterpretation und das Treffen von wissenschaftlichen Aussagen. Wie in deterministischen Wissenschaftsbereichen, versuchen probabilistisch Forschende, Muster und Trends aus der Datenlage vor dem Hintergrund ihrer Forschungsfrage herauszukristallisieren. Da die probabilistische Forschungsperspektive häufig menschliche, gesellschaftliche und kulturelle Eigenschaften in den Fokus nimmt, können dabei keine „harten“ Aussagen getroffen werden.

Der Mensch ist eine Black Box, in die wir nicht hineinschauen können, sondern durch Aktion und Reaktion ergründet werden muss. Zudem gibt es nicht „den Menschen“, sondern menschliche Individuen mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden (selbst in der Zwillingsforschung).

Somit ergeben sich probabilistische Aussagen wie: „Wenn im Jugendalter sehr viele gewalttätige digitale Spiele genutzt werden und eine Vernachlässigung durch die Eltern vorliegt (etc.), dann zeigen sich verstärkt aggressive Gedanken.“

Probabilistische Aussagen benennen dementsprechend Einflussfaktoren und können Zusammenhänge aufzeigen (die nicht kausal sein müssen). Deren Ausprägungen sind beim Menschen aber unterschiedlich, da viele weitere Faktoren eine Rolle spielen und Interagieren. Es ist eine Folge des Forschungsobjektes, Wahrscheinlichkeitsaussagen zu treffen und die Vielfalt von Faktoren zu beachten. Nichtsdestotrotz liefert so auch die probabilistische Forschung fundierte Erkenntnisse, die den Menschen und dessen Interaktion begreifbarer machen.

An dieser Stelle wird der Vorläufigkeitscharakter empirischen Wissens bemerkbar – dieser gilt auch für die harten Wissenschaften, denn jegliches Wissen ist konstruiert, erprobt aber widerlegbar: Wo die Zeit unendlich ist, trifft jeder Fall mit einer Wahrscheinlichkeit von über Null ein. Es gibt kein absolutes, nur gut gesichertes und erklärungsmächtiges Wissen, weder probabilistisch noch deterministisch.

Laura Arndt
Laura Arndt

Laura ist seit Januar 2018 im Team von TRANSFER TOGETHER und arbeitet für das Teilprojekt MINT-Bildung auch mal in einem Eisfach-Labor, wo zwar wärmeempfindliche Chemikalien geschont werden – die Laborantin aber nicht. Zu Lauras Projektseite.

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