WISSENSCHAFT ZWITSCHERT

 

Twitter, Scrabble, pexels.com, pixabay
Passt Wissenschaft in 280 Zeichen? Für viele stellt sich die Frage längst nicht mehr – die Wissenschaft zwitschert längst fleißig. Jens, Anne und Nadine betreuen den deutschen Twitter-Kanal von RealScientists, auf dem Wissenschaftler*innen über ihren Arbeitsalltag schreiben. Max hat mit Jens und Anne über Hürden und Chancen der Plattform gesprochen.

Anne Scheel und Jens Foell betreuen gemeinsam mit Nadine Gabriel den Twitter-Kanal @realsci_DE und den dazugehörigen Blog: Hier können Wissenschaftler*innen eine Woche lang den Account „kapern“, um aus ihrem Berufsalltag zu twittern. Sie schreiben über eine neue Studie, Probleme beim Veröffentlichen, die Situation am Arbeitsplatz oder fotografieren den Kaffeebecher am Morgen. Sie schaffen damit einen einzigartigen Einblick in die Arbeitswelt der Wissenschaft in Deutschland – und erzeugen obendrein ein Bewusstsein für Wissenschaftskommunikation. Im Interview fragt Max die beiden, welchen Nutzen ein solches Projekt hat und wie ihr mitmachen könnt.

Max: Wie seid ihr auf das Projekt aufmerksam geworden?

Jens: Das RealScientists-Projekt gibt es seit 2013. Es wurde von der australischen Wissenschaftskommunikatorin Upulie Divisekera gegründet. Das Netzwerk ist ziemlich schnell gewachsen und hat etwa 70.000 Follower auf Twitter. Ich bin über eine der Moderatorinnen auf das Projekt aufmerksam geworden: Als die Plattform größer wurde, wurde ich 2016 angesprochen, ob ich nicht als Moderator mitmachen möchte. Für mich war schnell klar, dass wir eine solche Plattform auch im deutschsprachigen Raum brauchen.

Max: Warum?

Jens: Weil das Angebot für Wissenschaftskommunikation in der englischen Sprache auf allen Ebenen – Twitter, Podcasts, Blogs, usw. – viel besser aufgebaut als ist auf Deutsch. Es gibt hier einfach nicht genug Angebote für Interessierte, die dem Englischen nicht mächtig sind und Forschungsergebnissen folgen möchten. Da haben wir einfach eine Notwendigkeit gesehen und haben daraufhin den Account von @RealSci_DE gegründet. Das war im Februar 2017.

Wissenschaft wird fast nur auf Englisch kommuniziert

Anne: Deiner Beobachtung kann ich nur zustimmen. Ich habe bei Twitter nur angefangen wegen meiner Forschung. Das war für mich eine großartige Erfahrung, weil es ein maßgeschneiderter Wissenschafts-Newsfeed sein kann. Mir macht das mega viel Spaß. Allerdings bewege ich mich vor allem im englischsprachigen Raum. Wenn ich dann im Deutschen nachschaue, sieht das sehr schnell ganz düster aus. Als meine Familie das mit RealScientists im Deutschen mitbekommen hat, hat sich vor allem mein Vater riesig gefreut: Er interessiert sich wahnsinnig für Wissenschaft, hat aber Probleme mit dem Englisch. Für Menschen wie ihn ist das ein tolles Angebot. Das war eine sehr schöne positive Rückmeldung.

Max: Verglichen mit anderen Social-Media-Plattformen ist Twitter ja ein sehr schnelles Medium: Nachrichten kommen im Sekundentakt und von Nachhaltigkeit kann man bei vielen Diskussionen ja nicht sprechen. Bietet sich das Netzwerk eurer Meinung nach dennoch dafür an? Gäbe es nicht bessere Lösungen?

Anne: Ich habe mit Twitter angefangen, weil ein Dozent uns damals gesagt hat, „geht auf Twitter, da sind coole Leute!“ Ich habe das dann ausprobiert und habe schnell die Vorteile gesehen: Es war sehr leicht, die Leute herauszufiltern, die für mich interessanten Content gepostet haben. Damit kann ich mir quasi meine eigene Nachrichtenseite schneidern. Das hatte ich nirgends sonst. Das ist für mich einfach ein flexibles und unterhaltsames Werkzeug. Eigentlich ist es kontraintuitiv, dass in so einem beschränkten Format Wissenschaft kommuniziert wird. Aber durch den beschränkten Platz lässt sich meiner Meinung nach sehr schnell, effektiv und viel diskutieren.

„Als würde man bei einer Konferenz lauschen“

Jens: Ist es wirklich eingeschränkt oder ist es einfach anders? Das knappe Format ist für mich eher Feature als Bug, regt es doch mehr zur Diskussion an als ein Blog, Podcast oder Facebook. Es ist aber auch sehr individuell: Manche können damit nichts anfangen, für andere wiederum ist es ideal. Ich finde, die Wissenschaftscommunity auf Twitter fühlt sich an, als wäre man auf einer Konferenz als Zuhörer. Es geht da auch nicht immer um die neuesten Studien, sondern auch ob der Kaffee schlecht war. Das sind Unterhaltungen, die man über Twitter gut mitbekommen kann. Man lauscht quasi der Community, die sich für die Forschung interessiert.

Anne: Man linkt auf Twitter ja auch ständig auf Publikationen oder Studien. Wenn das nicht wäre, würde das auch nicht funktionieren. Twitter ist ja keine Plattform, auf der Wissenschaft stattfindet, sondern auf der die Wissenschaftskommunikation betrieben wird. Zudem ist auch der direkte Kontakt zu Wissenschaftler*innen sehr einfach, weil die Hierarchien so flach sind.

Jens: Auf jeden Fall! Wenn ich mal etwas nicht verstehe, ist die Hürde sehr gering, einfach nachzufragen. Und auf der anderen Seite hilft es den Wissenschaftler*innen: Manchmal werfe ich einfach Begriffe in den Raum, die für mich im Labor völlig normal sind. Wenn mich dann jemand fragt, was das bedeutet, hilft mir das wiederum, meine Sprache zu reflektieren. Bei Twitter kriegst du auf Unklares sofort eine Rückmeldung und langfristig ein Gefühl dafür, wie Wissenschaftskommunikation funktioniert.

Die Köpfe hinter dem deutschsprachigen RealScientists-Kanal: Anne, Jens und Nadine (v.l.n.r.)

Max: Wie ist eure Einschätzung: Sind viele Bildungswissenschaftler*innen bei Twitter aktiv – und kamen schon einige auf euch zu?

Anne: Jens und ich kommen aus der Psychologie. Dementsprechend haben wir unser Netzwerk auch von da aus aufgebaut. Es ist immer eine Herausforderung, neue Fachbereiche zu erreichen. Umso mehr freuen wir uns über Leute aus ganz anderen Bereichen, die bei uns mitmachen wollen.

Jens: Auf jeden Fall! Meistens sind wir auf die Leute zugegangen, nur selten haben uns Wissenschaftler*innen angeschrieben.

„Es soll ja auch Spaß machen“

Max: Was entgegnet ihr Wissenschaftler*innen, die den Aufwand scheuen, sich in Twitter einzuarbeiten?

Anne: Ich hätte damit nicht angefangen, wenn es nicht auch Spaß gemacht hätte. Klar, am Anfang muss man sich daran gewöhnen und es ist auch nicht ganz unkompliziert. Aber ich gebe immer weiter: Sucht euch aus, wem ihr folgt und richtet euch einen Feed ein, den ihr interessant findet. Wenn man sich das aufbaut, geht man gerne auf die Plattform. Es soll ja auch Spaß machen und keinen Selbstzweck bedienen. Für mich hat Twitter allein wegen der starken Community eine große Bedeutung. Ich bin schon so oft Leuten auf Konferenzen begegnet, die ich zuerst über Twitter kennengelernt habe. In schlimmen Phasen der Arbeit findet man einen großen Rückhalt, man findet Kooperationspartner.

Jens: Ich denke, wer Facebook kennt, sollte auch keine allzu großen Probleme mit der Einrichtung von Twitter haben. Außerdem: Man muss sich ja kein Konto einrichten, um einen Eindruck von Twitter zu bekommen.

Max: Wie kann man denn auf euch zukommen, um bei euch mitzumachen und sollte man irgendwas mitbringen?

Anne: Schreibt uns einfach eine E-Mail.

Jens: … oder schreibt uns bei Twitter an. Man sollte vorher schon bei Twitter sein, um mitzumachen. Die Interaktion kann anfangs schon einschüchternd sein. Aber wir freuen uns über alle freiwilligen Kurator*innen!

Max: Vielen Dank euch beiden für das Gespräch!

Max Wetterauer, Team, Transfer Together
Max Wetterauer

Open Science und Social Media sind die großen Baustellen, an denen Max im Bereich Offene Hochschule tüftelt. Wenn ihm die 280 Zeichen auf Twitter mal nicht ausreichen, stillt er seinen Schreibdurst mit Artikeln hier auf dem Blog. Zu Max‘ Projektseite.

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Comments (3)

Wissenschaftskommunikation ist immer eine ‚Reise‘ wert. Wissenschaft ist kein Selbstzweck und wenn sie verstanden werden soll, muss sie kommuniziert werden weil davon ihre Glaubwürdigkeit und ihr Status in der Gesellschaft abhängt. Das allerdings ist zu wenigen WissenschaftlerInnen bewusst oder nicht der Mühe wert.

Danke für deinen Beitrag! Ich stimme dir voll und ganz zu, dass Wissenschaft nicht zum Selbstzweck verkommen darf. Um die wichtige Rolle der Wissenschaftskommunikation Forschenden bewusst zu machen, lohnt es mMn vor allem einen Blick auf die positiven Aspekte des Austauschs zu werfen. Das hat Jens im Interview auch gut unterstrichen, wie ich finde: „Manchmal werfe ich einfach Begriffe in den Raum, die für mich im Labor völlig normal sind. Wenn mich dann jemand fragt, was das bedeutet, hilft mir das wiederum, meine Sprache zu reflektieren.“

Viele Grüße
Max

Das war kein Vorwurf an Dich! 🙂
Eher als ermunternde Bestätigung der Interviewinhalte gedacht.
MfG
Woschof

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