ZWEI KRISEN UND EINE TRAGÖDIE

 

Corona, Handschuhe, Team, unsplash.com, Branimir Balogovic
Wenn die Bekämpfung des Klimawandels die große Menschheitsaufgabe ist, warum tun wir uns dann so schwer damit? Christina vom Teilprojekt Climate Change Education rät, einen Blick auf die aktuelle Coronakrise zu werfen. Beiden Krisen ist etwas gemein: Sie sind existenziell, betreffen uns alle und können nur gemeinsam gelöst werden. Das ist ein Problem.

Beim Klimawandel geht es im Grunde um die Verschmutzung der Atmosphäre mit klimawirksamen Gasen wie Kohlenstoffdioxid, Methan und Lachgas durch uns Menschen. Und zu dieser Verschmutzung tragen wir alle bei, wenn auch manche mehr und manche weniger. Doch alle haben Zugang zur Atmosphäre und können diese „theoretisch“ kostenfrei als Möglichkeit zur Entsorgung nutzen. Gleichzeitig ist der Rahmen, in welchem die Atmosphäre kaum auf diese Verschmutzung in Form der Erwärmung reagiert, ziemlich klein. Wir haben also ein begrenztes „Emissionsbudget“, innerhalb dessen die globale Erwärmung und damit der Klimawandel in einem noch tragbaren Rahmen gehalten werden können. Und das Budget ist fast aufgebraucht.

Diese Kombination aus freier Verfügbarkeit und doch begrenzter Nutzungsmöglichkeit stellt uns vor ein Dilemma und führt uns in eine Tragödie – nämlich die Tragödie der Allmende. 1968 hat Garret Hardin mit seinem Essay über das Schicksal der Menschheit diesen Begriff geprägt. Endliche, aber für alle zugängliche Ressourcen – im Kontext Klimawandel die Atmosphäre – unterliegen immer dem Risiko, übernutzt und dadurch zerstört zu werden.

Was haben Klimakrise und Corona gemeinsam?

Die Coronavirus-Erkrankung selbst ist sicherlich nicht von der „Tragödie der Allmende“ betroffen. In der Theorie ist die Krankheit zwar für alle zugänglich, sie ist jedoch unbegrenzt vorhanden und könnte ohne Probleme jeden Menschen dieser Welt infizieren. Leider. Was jedoch aktuell beinahe in jedem Land der Welt im Zusammenhang mit Corona diskutiert wird, sind die Ressourcen der Gesundheitssysteme.

Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen […].

So steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Artikel 25 geschrieben. Ärztliche Versorgung ist in Deutschland für alle zugänglich. Danke dafür! Gleichzeitig bedarf es jedoch entsprechenden Kapazitäten in Gesundheitszentren, Arztpraxen und Krankenhäusern, um diesem Versprechen gerecht werden zu können – und diese Kapazitäten sind endlich. Das Gesundheitssystem unterliegt also der Allmendeproblematik.

Werden nun im Zuge der aktuellen Corona-Epidemie überdurchschnittlich viele Menschen krank, ist das vorerst kein existenzielles Problem, solange die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht überschritten werden. Nehmen jedoch zu viele Menschen die freie Verfügbarkeit medizinischer Leistungen gleichzeitig in Anspruch, so droht das System „übernutzt und zerstört“ zu werden.

Alle müssen anpacken

Um dieser Tragödie vorzubeugen, ist das öffentliche Leben aktuell vielerorts stark eingeschränkt. Regierungen sprechen mindestens die Empfehlung aus, soweit möglich zuhause zu bleiben und zwischenmenschliche Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts zu vermeiden. Mancherorts werden die Empfehlungen über Beschränkungen bis hin zu Ausgangssperren verschärft. Solche Maßnahmen sind notwendig, auch wenn dadurch für viele das aktuelle Leben und dessen Qualität stark beeinträchtigt sind. Doch wenn sich alle Menschen in Deutschland in gleichem Maße an die Empfehlungen halten, Altruismus vor Egoismus stellen und Solidarität großschreiben, so haben die Maßnahmen Potential Wirkung zu zeigen.

Und genau dort liegt die Analogie zum Klimawandel. Es ist so wichtig, einen Lösungsweg aus der Klimakrise zu finden. Aber gleichzeitig ist es so schwer, denn dieser muss von allen Beteiligten bewilligt und ambitioniert verfolgt werden. Doch alle heißt in diesem Kontext: alle Menschen der Welt.

Stagnation verhindern

Die Atmosphäre kennt keine Ländergrenzen und dem Klimawandel ist das auch egal. Deshalb muss die gesamte Menschheit gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir müssen uns immerfort gegenseitig unterstützen und unser Bestes geben. Und wir müssen jene, die sich auf den Bemühungen und Erfolgen der Anderen ausruhen, sei es aus vorschnellem Optimismus oder doch aus Eigennutz, dazu ermutigen und anspornen, gemeinschaftlich zu denken und das Potential der eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Passives oder sogar zuwiderhandelndes Verhalten in der Lösung kollektiver Herausforderungen ist entmutigend und demotivierend und verleitet im schlimmsten Fall selbst proaktive Parteien zur Untätigkeit. Im Hinblick der hochaktuellen und akut bedrohlichen Klimakrise ist das fatal.

Die globale Erwärmung muss also nicht in einer Klima-Tragödie enden, wenn wir die Notwendigkeit und Stärke gemeinsamen Handelns noch rechtzeitig begreifen. Und ebenso wenig muss Corona zu einer Tragödie in unserem Gesundheitssystem führen, wenn wir zusammen Verständnis zeigen und weiterhin physisch aufeinander verzichten.

Deshalb: Seid solidarisch und haltet für das Klima und die Gesundheit der Menschen zusammen – aber momentan eben mit einem Abstand von mindestens zwei Metern!

Christina Trautmann
Christina Trautmann

Christina stellt zusammen mit Firmen unterschiedlicher Sektoren Workshops für Azubis auf die Beine, die das Thema Klimawandel verständlich beleuchten und die Notwendigkeit zur Anpassung greifbar machen. Zu Christinas Projektseite.

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Comments (2)

Vielen Dank für den spannenden Impuls! Unter https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/lesch-und-co-droht-uns-ein-schocksommer-100.html kommentiert auch Harald Lech (insb. im letzten Drittel des Beitrags) Parallelen der beiden Krisen und zeigt Handlungsoptionen auf.

Liebe Svenja,

vielen Dank für deine Antwort und den Link!
Es ist in der Tat interssant zu beoachten in wie weit der Zeithorizont und die Wahrnehmung der persönlichen Betroffenheit den Zusammenhalt der Menschen bestimmt. Maßnahmen sowohl gegen den Klimawandel als auch gegen Covid-19 sind akut notwendig, aber letztere werden von der breiten Masse deutlich eher anerkannt. Wie soll denn auch die Dringlichkeit von Maßnahmen gegen den Klimawandel sowie gegen dessen Folgen mit dem gleichen Auge betrachtet werden können, wenn wir, wie in dem Video gesagt wurde, bereits seit 25 Jahren den „Normalzustand“ nicht mehr kennen?
Das große Problem der aktuellen globalen Erwärmung liegt ja primär darin, dass sich das Klima so schnell wandelt und sich die Natur nicht anpassen kann. Aber vielleicht befindet sich genau dort das Dilemma, dass sich das Klima nämlich gleichzeitig nicht schnell genug ändert als dass die Dringlichkeit und die Ernsthaftigkeit der Lage wirklich erkannt werden kann (wie es hingegen bei Covid-19 der Fall war).

Viele Grüße,
Christina

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